Das nach zwei Jahren großer Zeit und völliger Hingabe an unsere Heimat! Mir ist, als hätte ich eben eine furchtbare Ohrfeige erhalten", notierte Georg Meyer, im Zivilberuf Prokurist bei den Siemens-Schuckert-Werken in Berlin, seit August 1914 Hauptmann in einem bayerischen Feldartillerie-Regiment, Ende Oktober 1916 in sein Tagebuch. "Im Frieden würde ich den Abschied nehmen, jetzt muß ich natürlich erst recht aushalten."

Meyer fiel im Dezember 1916 bei Verdun - einer von über 12 000 Juden, die im Ersten Weltkrieg ihr Leben für Deutschland hergaben.

Die "furchtbare Ohrfeige": das war die vom preußischen Kriegsministerium am 11. Oktober 1916 angeordnete "Nachweisung der beim Heere befindlichen wehrpflichtigen Juden", kurz "Judenzählung" genannt - eine der folgenschwersten innenpolitischen Entscheidungen im Ersten Weltkrieg.

Denn mit dieser kalten bürokratischen Maßnahme mußten die deutschen Juden alle Hoffnung aufgeben, im Kaiserreich jemals als gleichberechtigte Staatsbürger behandelt zu werden.

Diese Hoffnung hatte sich zu Beginn des Krieges noch einmal mächtig geregt. Gerade unter Deutschlands Juden fand der patriotische Überschwang der ersten Augusttage 1914 einen begeisterten Widerhall.

"Es war wirklich ein ganz großer Rausch, der uns alle gepackt hatte", erinnerte sich der Breslauer Historiker und Pädagoge Willy Cohn noch über zwei Jahrzehnte später, und mit ähnlichen Worten beschrieb der Göppinger Rabbiner Arnold Tänzer "jene einzigartige Empfindung hingebungsvoller Begeisterung", welche damals "jedes deutschfühlende Herz höher schlagen ließ": "Noch heute zittert diese Empfindung in mir nach und haftet unverwischbar in meiner Erinnerung."

Auch für die deutschen Juden bestand nicht der geringste Zweifel an der von Reichskanzler Bethmann Hollweg geschickt lancierten Lüge, wonach das Deutsche Reich Opfer eines feindlichen Überfalls geworden sei, also einen gerechten Verteidigungskrieg führe. "Wir sind in äußerster Notwehr und in allerreinstem Recht", notierte der junge Münchner Romanist Victor Klemperer am 3. August 1914.