Es geht um die pole position, den besten Startplatz beim Großen Preis am Sonntag. Damon Hill und Jacques Villeneuve, seine beiden Piloten, sind unterwegs auf der Rennstrecke. Die Motoren kreischen, mit Tempo 300 kommen sie die Start- und Zielgerade entlang - während in der Box von Williams-Renault ein schmaler, blasser Mann mit geröteten Augen in seinem Rollstuhl langsam seine Runden dreht.

Sanft stößt er sich mit den Handballen ab, die Finger sind weiß und kraftlos. Frank Williams, 54 Jahre alt, hat die da draußen im Griff, er zieht die Fäden, er steuert, heuert und feuert.

Die Audienz mit Frank Williams ist für halb sechs angesetzt. Die Pressedame hat vorsorglich eine Liste mit Tabu-Themen vorbereitet.

Ganz oben: "Daß Damon Hill nächstes Jahr nicht mehr bei uns sein wird." Es klingt wie ein Nachruf, wenigstens aber, als sei ein widerborstiger Schüler der Anstalt verwiesen worden. No use asking - jede Zuwiderhandlung pflegt Frank Williams mit einem tonlosen "No comment" abzuschmettern. Die Kriterien seiner Personalpolitik bleiben im dunkeln, so war es immer.

Wer in der Vergangenheit Weltmeister auf einem Williams wurde, konnte beinahe immer davon ausgehen, sich einen neuen Job suchen zu müssen. 1988 setzt sich der Brasilianer Nelson Piquet verbittert zum Konkurrenten Lotus ab. 1993 scheidet der Brite Nigel Mansell im Zorn, 1994 zieht sich der Franzose Alain Prost grollend aufs Altenteil zurück, weil Williams beabsichtigt, ihn mit seinem Intimfeind Ayrton Senna zusammenzuspannen.

"Teams wie Ferrari, Williams und McLaren sind seit Jahrzehnten dabei, die Piloten aber kommen und gehen", sagt Frank Williams ohne große Sentimentalität.

Seit 1969 zählt er zum Inventar des Grand-Prix-Zirkus. Zu Anfang bei einem Rennstall, der sich finanziell immer wieder im Grenzbereich von Zahlungsunfähigkeit und Pleite bewegt, dessen Inhaber die Dienstgeschäfte aus öffentlichen Telephonzellen steuert. Erst 1979 stellt sich ein Williams-Sieg ein, durch den Tessiner Clay Regazzoni in Silverstone, erst 1980 eine Weltmeisterschaft, durch den Australier Alan Jones. Fünf weitere Fahrertitel folgen, dazu acht Konstrukteurs-Championate. Heute gilt der Rennstall als eine der besten Adressen in der Formel 1. Wer bei Williams einen Cockpitplatz bekommt, wie Heinz-Harald Frentzen im nächsten Jahr, der wird automatisch als Kandidat für den Weltmeistertitel gehandelt.