Dublin

Gerade eben, noch bei der Vorspeise, hatte Schwedens Premier Göran Persson vor einer "gefährlichen Diskussion" gewarnt. Jetzt breitete der dänische Regierungschef seine Notizen am Tellerrand aus: "Ich will kein Maastricht III", las Poul Nyrup Rasmussen vom Zettel ab. Weiter kam der Däne nicht. Ein vergrätzter Helmut Kohl unterbrach ihn grummelnd: Schon zu Beginn des Mittagessens habe er doch erklärt, daß man ihm die Idee einer dritten Maastricht-Konferenz nur "in den Mund gelegt" habe, um "die Atmosphäre zu vergiften". Weitere Wortfetzen drangen nicht durch die dicken Mauern von Dublin Castle.

Nur, daß die Dänen die Ohrfeige des Kanzlers vom vergangenen Samstag schnell als "Ausrutscher" abtaten.

Helmut Kohl war eben schlechter Laune zum EU-Sondergipfel nach Dublin zurückgekehrt. Drei Tage zuvor war er auf Staatsbesuch hier gewesen, und da war's passiert. Da war ihm in der Pressekonferenz das Reizwort entschlüpft: "Der Strom der Geschichte läuft weiter.

Wir werden vermutlich nicht alle Probleme jetzt lösen, vielleicht wird es ein Maastricht III geben." Maastricht III! Unter Brüssels Journalisten und Diplomaten entfachte die Formel einen Orkan von Spekulationen. Hat Kohl, dieser eherne Kanzler der Deutschen und eigentlich längst aller Europäer, hat ausgerechnet er schon sämtliche Hoffnung fahren lassen für "Maastricht II"?

So heißt gemeinhin die zähe (und bislang ergebnislose) Regierungskonferenz, die bis zum Juni nächsten Jahres die Europäische Union für das 21. Jahrhundert rüsten soll. Ohne einen Erfolg von Maastricht II, das ist das Horrorszenario Brüsseler Politik, wird auch weiterhin jede europamüde Regierung per Veto allen anderen Mitgliedern eine engere Zusammenarbeit verbieten können. Ohne Maastricht II gibt es kaum eine Chance für die gemeinsame Bekämpfung von Kriminalität und Drogenmafia, schon gar keine Aussicht auf ein schärferes Profil des Kontinents in der Weltpolitik. Und auch keine Osterweiterung.

Gerade deshalb war man doch nach Dublin geeilt - um Maastricht II Beine zu machen und um laut und deutlich zu hören, daß alle Regierungschefs die überfällige EU-Reform an Haupt und Gliedern unterstützen. "Nun aber hat Kohl den Druck vom Kessel genommen", argwöhnte noch am Samstag nachmittag ein unruhig im Schloßgarten zu Dublin harrender EU-Spitzenbeamter, "wir können nur hoffen, daß das ein Wegwerfsatz war."