Der Schatten von 1968 – Seite 1

Runde Kindersamtaugen. Fingerchen stupst gegen Busen, wie niedlich aber auch, hier reckt sich ein Po nach oben. Man sieht auf dem Photo, wie die Vulva hervortritt. Zwei junge Leute balgen sich, sein Penis steckt jetzt in ihr, "Mama", sagt das Kind in der Bildleiste: "Mama, ich hab ein bißchen ANGST, ich WILL nicht so ein Ding in meiner Scheide stecken haben."

Zwanzig Jahre lang hat man das Buch nicht angeguckt, ach war das damals aufregend! Aufklärung, mit echten Nackten! Grobkörnig und in Schwarzweiß, jedes Schamhaar zu sehen! Der Koitus war zu jener Zeit ein revolutionärer Akt. Eine Studentengeneration hechelte sich dem Goldenen Zeitalter entgegen. Dann wurde das großformatige Werk zur Ruhe gebettet, neben die grabesschwarze Suhrkamp Wissenschaft.

Und jetzt so was: Bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften in Bonn liegt ein Antrag des Jugendamtes Frankfurt auf Indizierung. Die Aufklärungsbroschüre "Zeig mal!", 1974 im Peter Hammer Verlag Wuppertal erschienen, soll eine Gefahr für Kinder sein.

Hatte man da irgendetwas übersehen?

Am Telephon ist Egon Lorenz, derzeit der Leiter des Jugendamtes Frankfurt, und er fragt streng: "Haben Sie die Photos gesehen?"

Er sagt: "Einige dieser Aufnahmen sind hart pornographisch!" Geschlechtsteile von kleinen Mädchen in Großaufnahme, das bringe doch Menschen auf Gedanken, die mit unseren Kindern nichts Gutes im Sinn hätten.

"Bitte gucken Sie das Buch mit den Augen einer Mutter an!" ruft Herr Lorenz.

Der Schatten von 1968 – Seite 2

Mutterherz, was sagst du?

Kleiner nackter Junge sitzt neben großem nackten Mann. Der kleine Junge onaniert. Der Arm des großen Mannes ruht auf seinen Schultern.

Irgendwie zärtlich. Oder? Nicht?

Den Antrag auf Indizierung habe das Jugendamt Frankfurt im Mai dieses Jahres gestellt, erklärt Egon Lorenz. "In Verbindung mit der zu Recht hierzulande entstehenden Debatte um Mißbrauch und Kindesmißhandlung" sei das Buch "unter dem heutigen Begriff von Kindesschutz" nicht vertretbar. Da gab es aber Schützenhilfe.

Der Kreisverband Wuppertal der Jungen Union Deutschland schrieb in einer Pressemitteilung: Der Leiter des Peter Hammer Verlags Hermann Schulz "gehöre wohl zu derjenigen Gruppe von Geschäftsleuten, die unter dem Deckmantel der Aufklärung Geschäfte mit Kindersex machen". Und: "Das Buch ,Zeig mal` vermittelt Kindern den Eindruck, bei Sex von Kindern mit Erwachsenen handele es sich um was ganz normales."

Ein Antrag auf Indizierung stützt sich auf das "Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften (GjS)". Paragraph 1 verfügt: "Schriften, die geeignet sind, Kinder oder Jugendliche zu gefährden, sind in eine Liste aufzunehmen." Was auf dieser Liste steht, darf auf keinen Fall in die Hände von Kindern gelangen. Buchhandlungen müssen es aus dem Regal nehmen, Werbung und Versand sind verboten.

Eltern dürfen zwar zu Hause mit ihren Kindern in dem Buch blättern, aber schon, wenn ein Nachbarskind dazukommt, wird es kritisch.

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Unter "Strafvorschriften" heißt es: "(1) Wer eine Schrift, deren Aufnahme in die Liste bekanntgegeben ist . . . anbietet, überläßt oder zugänglich macht . . . wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft."

In Deutschland wurde "Zeig mal!" 90 000 mal verkauft. Das Buch gibt es auch in Spanien, den Niederlanden, in Skandinavien und Japan. In den Vereinigten Staaten von Amerika gingen nach Erscheinen 300 000 Stück über den Ladentisch. Dabei war es als Protest gegen diese Imperialisten gedacht: "Mitten im Vietnamkrieg muß man so ein Buch machen!" habe der Photograph Will McBride gedröhnt, erinnert sich Verleger Schulz.

Will McBride war die visuelle Revolution. Sein Poster von "Hair" hing in jeder WG. Seine Photos standen im Stern und in Twen, in Jasmin und Quick, und das war damals eine Empfehlung. Daß Kinder mit Erwachsenen nackt herumturnten, galt als charakterformend und noch nicht als Take für ein Pornovideo. Noch wußte niemand, daß McBride später, wie die Frankfurter Rundschau formulierte, ein Faible "für möglichst nackte, möglichst junge Männer" entwickeln würde. Nein, das zu wissen macht Hermann Schulz auch heute nicht skeptisch. Seine Zweifel an der Optik von McBride hat er vor 23 Jahren überwunden.

"Ich stamme aus einer Missionarsfamilie", sagt Schulz, "meine Kinder waren damals fünf und sechs!" Er sei sehr unsicher gewesen.

Zwei Tage lang habe er deshalb den Aufnahmen zugesehen. McBride sei so freundlich mit den Kindern umgegangen. Als ein Junge eine Erektion kriegte, habe er ihn in den Arm genommen und gelobt, alles sei "so menschlich" gewesen. Und doch, sagt Schulz, er würde "Zeig mal!" heute so nicht mehr drucken. Das Vorwort, sagt er, habe er leider achtzehn Jahre lang nicht mehr gelesen gehabt.

Wer liest schon ein Vorwort? Das Vorwort stammt von Professor Helmut Kentler, damals Guru der sexuellen Revolution. Kentler, Sozialpädagoge an der Universität Hannover, schrieb einst für den Rowohlt Verlag einen Leitfaden für Eltern in Sachen Sexualerziehung, im ZEITmagazin kommentierte er eine Bilderserie zum Thema Geburt.

Kentlers Vorwort entwickelt heute eine Art von Komik. Triebunterdrückung im Kapitalismus, ausgerechnet! Befreite Sexualerziehung bei den Muria in Vorderindien. Kentler beschwört das freizügige Mittelalter, in dem Eltern Kinder zur Beruhigung masturbiert hätten. Dann zitiert Kentler zwei holländische Untersuchungen zum Beleg, daß die sexuellen Kontakte zwischen Erwachsenen und Kindern keineswegs schädlich seien. "Werden solche Beziehungen von der Umwelt nicht diskriminiert, dann sind um so eher positive Folgen für die Persönlichkeitsentwicklung zu erwarten, je mehr sich der Ältere für den Jüngeren verantwortlich fühlt." Und weiter: "Kinder müssen, soweit das entsprechend ihrem Alter nur immer möglich ist, von den Erwachsenen als gleichberechtigte Partner ernstgenommen werden." Hatte eigentlich niemand das Vorwort gelesen?

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Hertha Richter-Appelt ist eine, die das Buch in den vergangenen Jahren nicht beiseite gelegt hatte. Als Sexualwissenschaftlerin hat sie in Hamburg "Zeig mal!" in Therapien eingesetzt - bei Erwachsenen, die sich nicht trauten, einen Blick nach unten zu werfen. Die Passage im Vorwort? "Einfach Quatsch!" sagt sie.

Die Sätze gehören zum Rechtfertigungsrepertoire der Pädophilie.

Sie suggerieren, daß sexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern zu Unrecht verfolgt werden. Was da verschleiert wird, steht im neuesten Aufsatz von Richter-Appelt, Thema Mißbrauch und seine Folgen: Selbstmordgedanken, Suchtprobleme, Eßstörungen.

Das Buch also indizieren? "Quatsch!" sagt sie noch mal. An jedem Kiosk liege Gefährlicheres!

Wie gerne würde ihr Helmut Kentler da wohl zustimmen. Kentler, der seine Worte einerseits keineswegs als Aufruf zur Pädophilie verstanden haben möchte ("Ich habe oft geschrieben, es ist immer eine Gewaltbeziehung!"), dann aber, andererseits, die Passagen gerne umschreiben möchte ("neuere Forschung berücksichtigen"), fürchtet vor allem eins: "Daß wir bei Sexualität und Moral wieder bei 1968 sind". Und er erinnert daran, daß vor 22 Jahren schon mal in Bonn ein Indizierungsantrag lag. Wie wird es diesmal ausgehen?

Zu dieser Frage will sich Elke Monssen, die Vorsitzende der Bundesprüfstelle, nicht äußern. Die Ablehnung damals sei ein "begünstigender Verwaltungsakt", seine Argumente, dargelegt auf hundert Seiten, gelte es erst mal auszuräumen. Die Bundesprüfstelle müsse nun in ihrer Jahrestagung im November klären, ob es neue Indizierungsgründe gibt, ob "Zeig mal!" doch irgendwie pädophile Phantasien fördert.

Ein Tip noch dazu: Der Pädophilen liebste Phantasie, so der Hinweis des Hamburger Sexualforschers Wolfgang Berner, sei ein Werk, das womöglich noch bekannter ist als "Zeig mal!". Es ist die alte Nivea-Reklame. Die, in der ein rundes Baby mit dem großen blauen Ball spielt.