Aktionäre aller Länder müßten eigentlich glücklich sein, endlich dieses Papier kaufen zu können.Wer in den russischen Energiekonzern Gasprom einsteigt, wenn in den nächsten Wochen der Handel an der London Stock Exchange beginnt, wird an einem Unternehmen der Superlative beteiligt sein: Gasprom verfügt über ein Viertel der weltweiten Erdgasreserven und über ein Leitungsnetz, das der Länge nach mehr als dreimal um die Erde reicht.Allein Deutschland deckt über 30 Prozent seines Gasbed arfs aus Rußland - Tendenz steigend. Doch das Interesse ausländischer Anleger an der Gasprom-Aktie hat sich bisher in Grenzen gehalten: Wollten die Russen noch Anfang 1996 mindestens fünf Dollar für jede emittierte Aktie kassieren, wird sie nun voraussichtlich nicht einmal mehr 1,60 Dollar kosten. Das entspricht einem Gesamtwert von rund 38 Milliarden Dollar für ein Unternehmen, das alleine für Gasexporte jedes Jahr über acht Milliarden Dollar kassiert. Die Skepsis ausländischer Anleger hat viele Gründe.Über kein russisches Unternehmen wird so viel diskutiert und oft läßt sich kaum unterscheiden, ob es sich um Fakten oder Mythen handelt, wenn von Gasprom die Rede ist.Tatsache ist, daß nicht einmal die mächtige Bankenlobby in Rußland einen derartigen politischen Einfluß ausübt: Drei Mitglieder der derzeitigen russischen Regierung sind "das Rohr entlanggegangen", wie die Gasowiki selbst stolz sagen.Prominentester Gasprom-Zögling ist Wiktor Tsch ernomyrdin: Der Premierminister wandelte 1989 das Ministerium für Gasindustrie in den Konzern Gasprom um und leitete das Unternehmen, bis er im Mai 1992 in die Regierung wechselte. Doch Gasprom - immer noch zu vierzig Prozent Staatseigentum - ist bis heute Tschernomyrdins Hausmacht geblieben: Kaum jemand bezweifelt in Moskau, daß die Gasmanager Abgeordnete bestechen, wenn wieder einmal in der Staatsduma ein Mißtrauensvotum gegen Tschernomyrdin ansteht.Und als Präsident Boris Jelzin für eine zweite Amtszeit kandidierte, war die Chefetage selbst für den deutschen Joint-venture-Partner Wintershall und den größten westeuropäischen Gasabnehmer Ruhrgas nur noch schwer zu gänglich - die Manager waren mit dem Wahlkampf beschäftigt. Die enge Verbindung zwischen Regierung und Gasprom ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit: Im Unterschied zur Erdölindustrie ist das "einheitliche System der Gasversorgung" durch den Einfluß Tschernomyrdins nicht in seine Einzelteile zerstückelt worden.Außerdem erhielt Gasprom lange Zeit milliardenschwere Steuererleichterungen, so daß Rußlands reichstes Unternehmen zwar rund acht Prozent des Bruttoinlandsprodukts produziert, doch in erheblich geringerem Umfang die Staatsausgaben finanz iert hat. Die wirtschaftliche Realität in Rußland ist allerdings komplizierter, als es Rechenbeispiele ausdrücken können.Während Gasprom im Westen zunehmend wie eine gewinnmaximierende Aktiengesellschaft arbeitet, funktioniert das Unternehmen daheim in alter Tradition des Gasministeriums, das vor allem politischen Leitlinien folgt.Seit Jahren subventioniert der Energiekonzern ganze Regionen, große Teile der Industrie sowie private Haushalte mit Energie zu Niedrigstpreisen - und selbst die werden oft nic ht bezahlt. Verärgert trat Gasprom-Chef Rem Wjachirew in der vergangenen Woche vor die Presse, nachdem ein Gebäude und Konten von Gasprom-Töchtern beschlagnahmt worden waren.Wjachirew rechnete den Journalisten vor, wie es wirklich sei: Zwar schulde Gasprom den verschiedenen Gebietskörperschaften umgerechnet fast drei Milliarden Dollar. Doch dem gegenüber, so Wjachirew, stünden offene Gasrechnungen in Höhe von fast neun Milliarden Dollar."Finanziell ist das Unternehmen an einer kritischen Grenze angelangt", schreibt Wjachirew in einem Brief an das Parlament. Viele Ökonomen und Bankiers in Moskau halten dagegen die finanziellen Schwierigkeiten Gasproms für ein Zeichen von Mißmanagement und Vetternwirtschaft.Eine schlüssige Unternehmensstrategie ist tatsächlich nicht erkennbar: Einerseits erhalten Gasprom-Arbeiter drei bis vier Monate keine Löhne, andererseits wurde innerhalb von zwei Jahren eine Firmenzentrale für mindestens 150 Millionen Dollar hochgezogen.Wichtige Investitionsprojekte auch mit einem deutschen Partner liegen derzeit aus angeblichem Geldmangel auf Eis, trotzdem steigt Gasprom in nationale Fernsehkanäle und Tageszeitungen ein. Während sich große internationale Konzerne gesundschrumpfen, indem sie möglichst viele Bereiche ausgliedern, gibt es inzwischen kaum noch einen Wirtschaftssektor in Rußland, in dem Gasprom nicht engagiert ist: Gasprom-Töchter produzieren Obst, Gemüse und Mineralwasser, verpacken Fleisch und liefern Ausrüstung nach Sibirien.Diese Expansionsstrategie wird scharf kritisiert.Als einen der Gründe für die mangelnde Effizienz haben einige Investmentbanker den Vorstandsvorsitzenden Rem Wjachirew ausgema cht.Der 62jährige, ein typischer Vertreter des alten Systems, ist seit gut 40 Jahren im Gas- und Ölgeschäft tätig.Vom Maschinenführer stieg er zum stellvertretenden Minister für Gasindustrie auf, bis er schließlich 1992 Tschernomyrdin als Vorstandsvo rsitzenden ablöste. Doch trotz aller Kritik - da sind sich russische und ausländische Analysten einig - bewegt sich der russische Energiegigant in die richtige Richtung.Erstmals hat Gasprom im vergangenen Jahr seine Bücher von der renommierten Price Waterhouse prüfen lassen.Für 1996 soll sogar eine Gewinn-und-Verlust-Rechnung nach internationalen Rechnungsstandards vorgelegt werden. Daß sich das bisher so verschlossene Unternehmen öffnet, hat wirtschaftliche Gründe.Die Gasowiki brauchen in den nächsten Jahren ausländisches Kapital in Milliardenhöhe, um ihre Investitionsprojekte zu finanzieren: Alleine die Ausgaben für das Jamal-Projekt - den Pipelinebau über Weißrußland und Polen nach Westeuropa sowie die Erschließung der enormen Gasreserven auf der arktischen Halbinsel - werden auf knapp vierzig Milliarden Dollar geschätzt.Weitere acht bis zehn Milliarden sind schätzungsweise nötig, um alte Pipelines und Kompressorstationen zu reparieren.Außerdem sind Energiesparprogramme geplant: Nach Schätzungen des Instituts für Energieforschung in Moskau könnte der Gasverbrauch in Rußland um 25 Prozent gesenkt we rden, um das eingesparte Gas dann zu einem höheren Preis zu exportieren. Bis heute regulieren die meisten Russen ihre Zimmertemperatur im Winter, indem sie die Fenster öffnen oder schließen, da es an den Heizkörpern keine Thermostate gibt. Doch selbst ausländisches Kapital wird angesichts dieser ehrgeizigen Milliardenprojekte nicht ausreichen, zumal nur neun Prozent der Gasprom-Aktien an Ausländer verkauft werden sollen.Nach einer Studie eines amerikanischen Brokerhauses muß der weltweit größte Erdgaslieferant auch auf dem heimischen Markt rentabel arbeiten, um seinen Finanzbedarf decken zu können. Wie das funktionieren könnte, dafür haben neoklassische Ökonomen der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds ein einfaches Szenario: Der Energieriese, der fast die Hälfte des heimischen Energiebedarfs deckt, soll seine Steuerschuld begleichen und im Gegenzug die ausstehenden Rubelbillionen einkassieren.Viele Betriebe würden in die Pleite getrieben, notfalls müßte eben auch zahlungsunwilligen Städten wie Moskau der Gashahn zugedreht werden. Doch was aus wirtschaftstheoretischer Sicht sinnvoll erscheinen mag, ist angesichts der sozialen und politischen Situation in Rußland Utopie.Wahrscheinlicher ist ein zweites Szenario: Gasprom wird noch jahrelang die Bevölkerung und große Teile der Industrie wider alle marktwirtschaftlichen Regeln mit Gas versorgen.Die Regierung in Moskau entscheidet dann, welche Betriebe überhaupt ihre Rechnung bezahlen müssen.Auf diese Weise wird der Wettbewerb verzerrt und die marode Industriestruktur kons erviert. Während ausländische Gasprom-Aktionäre angesichts solcher Perspektiven damit rechnen müssen, trotz des enormen Potentials des Konzerns einen Teil ihres eingesetzten Kapitals zu verlieren, geht es für Rußland um mehr: Nur wenn Gasprom der Wandel zu einer transparenten und effizient arbeitenden Aktiengesellschaft gelingt, wird es einen erheblichen Anteil der Staatsausgaben finanzieren und über Milliardeninvestitionen einer der Motoren eines möglichen Aufschwungs werden.Und nur dann hat der Gas prom-Vorsitzende Wjachirew recht, wenn er sagt: "Was gut ist für Gasprom, ist auch gut für Rußland." Ansonsten wird vor allem eine kleine Gruppe von Managern und Politikern vom russischen Gas profitieren - und nicht ein ganzes Volk.