Auf ihre internationalen Kontakte sind die deutschen Hochschulen seit jeher besonders stolz. Mitunter liegen diese Kontakte jedoch gerade dort im argen, wo man dies nicht erwartet. Die deutsch-türkische Hochschulkooperation etwa müßte eigentlich weitaus intensiver sein, als sie es nach einer jetzt veröffentlichten Untersuchung des Zentrums für Türkeistudien an der Universität-Gesamthochschule Essen ist.

Gerade einmal 47 der rund 300 Hochschulen hierzulande arbeiten danach in irgendeiner Weise mit Hochschulen in der Türkei zusammen.

Auf türkischer Seite beteiligt sich sogar nur eine knappe Handvoll der insgesamt 53 Hochschulen an Kooperationen, und zwar hauptsächlich die Universitäten in den großen Städten des Landes. Die meisten Kontakte spielen sich außerdem nicht auf Hochschul-, sondern allenfalls auf Fachbereichsebene ab. Oft sind es freilich auch nur persönliche Bekanntschaften deutscher und türkischer Wissenschaftler, aus denen dann gemeinsame Projekte erwachsen. "Die Zusammenarbeit steht erst am Anfang", konstatiert denn auch Faruk Sen, der Leiter des Zentrums für Türkeistudien.

Dabei gäbe es gerade für intensivere Kontakte zwischen deutschen und türkischen Hochschulen eine ganze Reihe von Anknüpfungspunkten.

Schon zu Zeiten des Osmanischen Reiches existierten zwischen beiden Ländern enge geistige und kulturelle Beziehungen, besonders im Bildungswesen.

In den dreißiger Jahren waren es dann deutsche Emigranten wie der Wirtschaftswissenschaftler Fritz Neumark und der Mediziner Erich Frank, die in der Türkei Zuflucht vor Hitler fanden und entscheidenen Anteil am Aufbau der großen türkischen Universitäten hatten. Heute lehren in Istanbul, Ankara, Izmir und anderswo mehrere hundert türkische Professoren, die ihre wissenschaftliche Ausbildung in Deutschland erhielten. Und nicht zuletzt: An den deutschen Hochschulen studieren derzeit über 16 000 Türken und errichten - auch wenn drei Viertel von ihnen hier geboren und aufgewachsen sind - Brücken zwischen beiden Ländern und deren unterschiedlichen Kulturen.

Daß es um die wissenschaftliche Zusammenarbeit dennoch schlecht bestellt ist, hat auf beiden Seiten ganz unterschiedliche Gründe: Die türkischen Hochschulen stecken - mehr noch als die deutschen - schon seit Jahren in einer tiefen Strukturkrise. Finanziell fast völlig vom Staat abhängig und von diesem immer schlechter ausgestattet, fehlt ihnen für internationale Kontakte zumeist das Geld. Eine rigide staatliche Lenkung erschwert außerdem nicht nur auf diesem Gebiet die Eigeninitiativen. Als Folge einer regelrechten Bildungsexplosion seit den achtziger Jahren sind viele Hochschulen hoffnungslos überfüllt und zu Lehranstalten mutiert, in denen es nur noch um Wissensvermittlung geht. Die Forschung - und damit der wichtigste Impuls für internationale Kooperation - liegt dagegen fast überall brach. Und schließlich: Die türkischen Wissenschaftler, die unter diesen Umständen überhaupt noch die Zusammenarbeit mit ausländischen Partnern suchen, favorisieren die USA, England oder Frankreich - und nicht Deutschland.