IDSTEIN. - Wer "Sudan" sagt, meint meist den aggressiven islamischen Fundamentalismus. Vielleicht entsinnt er sich nebenbei noch des Bürgerkriegs, der ansonsten dem kollektiven Bewußtsein der Welt entfallen ist - trotz mehrerer Millionen Toter und vier bis fünf Millionen Menschen, die innerhalb des Landes vertrieben wurden und in Zelten und Notunterkünften hausen müssen.

Seit seiner Unabhängigkeit 1956 hat der Sudan nur zehn friedliche Jahre erlebt. Wer die Ursachen dieses blutigen Konflikts jedoch nur auf die großen Raster "Islam gegen Christentum" oder "Araber gegen Schwarze" reduziert, der verkennt die vielfältigen Kräfte und Fraktionen, die diesen Bürgerkrieg befeuern. Im Sudan - er ist immerhin sechsmal so groß wie Deutschland - lebt eine Vielzahl von Ethnien. Die Entwicklung des (mehrheitlich christlichen) Südens ist seit der Unabhängigkeit deutlich hinter der des (mehrheitlich islamischen) Nordens zurückgeblieben riesige Entfernungen erschweren Handel und Kommunikation. Gleichzeitig folgen die Versuche führender Industrienationen - insbesondere Frankreichs und der Vereinigten Staaten -, den Sudan in ihrem Sinne zu beeinflussen, sehr widerstreitenden strategischen Interessen.

All dies erschwert die Suche nach Frieden. Mit dem Ende der Regenzeit in diesem Monat droht der Bürgerkrieg - wie bereits im vergangenen Jahr - an der Front zwischen Nord und Süd wiederaufzuflammen.

Beide Seiten rüsten längst zur nächsten Schlacht. Sollten die Kämpfe erneut ausbrechen, dann - so befürchte ich - wird die internationale Gemeinschaft angesichts der strategischen Bedeutung des Sudan kaum vernünftig reagieren. Der Westen wird seine Interessen protegieren, am Schutz unschuldiger Menschenleben hatte man schon in der Vergangenheit allenfalls beiläufiges Interesse gezeigt.

Während eines kürzlichen Besuches im Sudan konnte ich mit den Konfliktparteien im Süden und im Norden erstaunlich offene Gespräche führen. Trotz aller Gegensätze zeigten alle Seiten in den folgenden Punkten überraschende Übereinstimmungen:

- Niemand könne den Bürgerkrieg mit militärischen Mitteln gewinnen nur eine politische Lösung sei möglich.

- An einem bevorstehenden Wiederausbruch des Bürgerkrieges wären jeweils "die anderen" schuld selbst werde man sich natürlich auf die Verteidigung beschränken.