London

Mit den zwei Sprengsätzen, die im nordirischen Hauptquartier der britischen Armee explodierten, wollte die republikanische Bewegung einen blutigen Schlußstrich unter den nordirischen Friedensprozeß ziehen. Die IRA-Bomben sollten töten - es gab vorher keine telephonische Warnung und sie sollten das Ende des loyalistischen Waffenstillstandes herbeiführen. Exakt zum Zeitpunkt der Explosionen saßen führende Vertreter der protestantischen paramilitärischen Organisationen mit loyalistischen Gefangenen im Maze-Gefängnis zusammen und berieten darüber, ob man die Waffenruhe noch aufrechterhalten solle. Frustriert über die Serie von IRA-Anschlägen in den zurückliegenden Monaten und über die ausbleibenden Fortschritte bei den Allparteienverhandlungen in Belfast, hatten die protestantischen Gefangenen vergangene Woche dem Friedensprozeß ihre Unterstützung entzogen.

Jetzt hängt alles von der Reaktion der Loyalisten ab. Lassen sie sich zum Gegenterror provozieren, wird Nordirland in eine neue blutige Phase des Bürgerkrieges zurücksinken. Zur Zeit sieht es so aus, als sollte die Rechnung der IRA nicht aufgehen. Die loyalistischen Parteien, aber auch Dublin, London und die Vertreter der gewaltfreien katholischen Mehrheitspartei in Nordirland drängen die Paramilitärs, nicht "in die Falle der IRA" zu tappen. Vorerst mag ihr Rat befolgt werden. Aber der Waffenstillstand wird mit Sicherheit zerbrechen, wenn die IRA oder andere katholische Gruppen weitere Terrorakte verüben.

Dann hätte die IRA ihr Ziel erreicht. Sie könnte sich wieder als Verteidigerin der katholischen Minderheit Ulsters präsentieren ein neuer Abschnitt ihrer Doppelstrategie aus Terror und Politik könnte beginnen. In den sieben Monaten, die seit dem Ende des Waffenstillstands vergangen sind, zog Gerry Adams als geschickter politischer Propagandist durch die Lande und durfte auf die Blauäugigkeit eines Teils seines internationalen Publikums zählen. Währenddessen dosierte die IRA ihren Terror. Lange Zeit sparte sie Nordirland aus die katholische Bevölkerung ist dort immer noch nicht bereit, den Rückfall in dunkle Zeiten als unabänderlich zu akzeptieren.

Man konzentrierte sich deshalb auf Ziele in England, ließ gewaltige Bomben in London und Manchester detonieren.

Im Sommer kam es dann zu den ersten Terrorakten in der Provinz selbst man wählte ein Hotel in Enniskillen, in dem Protestanten und Katholiken verkehrten. Eine katholische Splittergruppe hatte die Bombe dort gelegt. Dabei weiß man, daß Organisationen wie "Continuity Army Council" ohne Duldung der IRA es gar nicht wagen würden, auf deren Territorium zu operieren. Einzig die loyalistischen Paras, "Ulster Freedom Fighters" und "Ulster Voluntary Force", verhinderten, daß da schon der Plan der republikanischen Strategen aufging. Deshalb griff die IRA jetzt in Lisburn zu härteren Maßnahmen, um die Loyalisten aus der Reserve zu locken.

Der Waffenstillstand der IRA, ausgerufen im Spätsommer 1994 und beendet im Februar dieses Jahres mit einer gewaltigen Bombe in den Londoner Docklands, war von Anfang an nur als eine taktische Maßnahme gedacht. Er war nie als dauerhafte Absage an Gewalt verstanden worden. Die Irische Republikanische Armee hat sich stets als Bewegung der Tat und des Kampfes begriffen. Die Ergänzung um eine politische Komponente entsprang allein der Einsicht, daß man politisch operieren muß, um die Früchte des Terrors zu ernten. Die republikanische Bewegung ist davon überzeugt, daß sie London mehr Zugeständnisse und letztlich die irische Einheit abringen kann, wenn sie mit Terror droht. Es ist ein weitverbreitetes Mißverständnis, in der IRA vor allem eine Art Bürgerrechtsbewegung zu sehen, die nur durch die sozialen und politischen Mißstände bei den nordirischen Katholiken auf den Pfad der Gewalt gedrängt worden ist. Die IRA ist eine totalitäre Organisation, die sich als Vollstrecker des historischen Willens der irischen Nation versteht. Die große Mehrheit der Iren im Süden wie im Norden will mit ihr nichts zu tun haben.