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Ernie schaut noch ziemlich benommen aus. Ein Zittern läuft in Wellen über sein Fell und zeigt, daß er Schmerzen hat. Der Herzchirurg Norbert Guldner, der ihn an diesem Tag operiert hat, spritzt dem Patienten sogleich das Mittel Tramal, um die Schmerzen zu lindern.

Ernie entspannt sich. Der südafrikanische Ziegenbock dient hier in der Herzklinik der Medizinischen Universität zu Lübeck als Versuchskaninchen.

Die Operateure haben dem stämmigen Bock ein Zweitherz aus Muskellappen angelegt. Die Idee des Eingriffs klingt bestechend: Ein zusätzliches Herz, das Guldner für Ernie aus einem Rückenmuskel geformt hat, könnte nach entsprechendem Trainung dauerhaft stimuliert werden und die linke Herzkammer entlasten - Kraft aus zwei Herzen. Wenn weitere Tierversuche ähnlich erfolgreich verlaufen, dann könnte die neue Methode in zwei bis drei Jahren erstmals herzkranken Menschen zugute kommen, hofft Norbert Guldner und spricht von einer "kostengünstigen Ergänzung zur Herztransplantation".

Schätzungsweise zwei Millionen Menschen auf der Welt könnte eine solche Zusatzpumpe weiterhelfen. Allein in Deutschland leiden 33 000 Menschen an nicht mehr heilbarem Herzversagen. Spenderherzen hingegen sind knapp. Gerade mal 3300 von ihnen wurden im vergangenen Jahr verpflanzt, wobei jede Transplantation rund 90 000 Mark kostet.

Patienten, die älter als sechzig Jahre sind, haben da kaum Aussichten auf eine Ersatzpumpe von einem Spender. Auch Kunstherzen bieten noch keinen Ausweg, sie sind ähnlich teuer und obendrein nur begrenzt haltbar.

Angesichts der Organknappheit wäre ein funktionsfähiges Lübecker Zweitherz hoch willkommen. Die Pumpe aus dem Rückenmuskel könnte auch bei Kindern mit angeborenen Herzfehlern zum Einsatz kommen und wäre vermutlich weitaus billiger als eine Transplantation.

Ernie und andere Ziegen kommen in einem eigens eingerichteten Operationssaal unters Messer. Bei dem experimentellen Eingriff an dem Bock löst Norbert Guldner den Schürzenbindemuskel (Musculus latissimus dorsi) aus dessen Verankerung am Rücken, wobei er mit Nerven und Blutgefäßen verbunden bleibt. Dann zieht der Chirurg den Fleischlappen zur Brust und faltet ihn um ein Geflecht aus Silikon, so daß ein Hohlraum entsteht: die Muskelpumpe. An den beiden Öffnungen befestigt Guldner Gefäßschläuche, die er mit der Hauptschlagader, der Aorta, vernäht (siehe Abbildung).

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Damit der gesamte Blutstrom durch das Zweitherz fließt, wird die Aorta zwischen den beiden Anschlußstellen abgeklemmt. Die hohle Muskelkugel setzt Guldner schließlich am oberen Ende des linken Lungenflügels ein, erst ein elektrischer Muskelstimulator bringt sie zum Pumpen.

Allerdings muß dem Zweitherz das Schlagen erst beigebracht werden.

Denn es besteht aus sogenannten langsamen Muskelfasern (Typ I), die Ziege und Mensch etwa beim gemächlichen Traben entwickeln.

Doch durch gezielte elektrische Reize wandeln sich die Muskelbündel in schnelle und schließlich unermüdbare Fasern vom Typ II um, die der normalen Herzmuskulatur ähneln. Auch Sprinter entwickeln durch ihr Training vorwiegend Typ-II-Fasern. Bei Ernie halfen die Ärzte mit einer elektrischen Dauerstimulation nach. Sie kurbelt in dem Rückenmuskel die Ausprägung jener Gene an, die für die Produktion der erwünschten Typ-II-Muskelfasern zuständig sind.

Dabei muß die elektrische Reizung des Muskels äußerst behutsam gesteigert werden, beobachtete Guldner. Denn bei einer Übererregung schrumpft der Muskel und wird unbrauchbar. Zwar gelang es schon in den sechziger Jahren, Rückenstränge in unermüdbare Muskelbündel umzuwandeln, doch in mittlerweile siebenjähriger Forschungsarbeit hat Norbert Guldner das Verfahren entscheidend verbessert. Dazu verabreichte er den Ziegen auch Medikamente, vor allem das als Dopingmittel berüchtigte Clenbuterol.

Die Substanz läßt die Muskeln gerade unter Belastung wachsen, indem es die Eiweißsynthese erhöht. Beim Bock Ernie reicht ein Viertel Milligramm Clenbuterol, das dem täglichen Futter beigemischt wird.

Das gedopte Tier durchläuft nun eine achtwöchige Trainingsphase, in der die Pumpleistung des Zusatzorgans allmählich gesteigert wird, ehe es etwa dreißig Prozent der Herzarbeit übernimmt. Die Zweitpumpe schlägt immer dann, wenn sich das kranke Herz in der Ruhephase befindet, und verschafft so die wichtige Entlastung.

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Bei Ernie pumpt die biomechanische Hohlkammer anderthalb Liter Blut pro Minute, beim Menschen wären es vermutlich zwei bis drei Liter.

Auch wenn Guldners Verfahren bereits von Herzchirurgen in Australien und den USA übernommen wurde und ihm internationale Anerkennung einbrachte, geben sich Kritiker skeptisch. So bemängelt Mathias Loewe vom Deutschen Herzzentrum Berlin, daß bei dem Eingriff mit dem Korb aus Silikon eine künstliche Fläche in der Blutbahn entsteht: "Dadurch erhöht sich die Gefahr von Blutgerinnseln." Um solche Mängel zu beheben, will Guldner zwei weitere Jahre an seinem biomechanischen Konzept tüfteln und noch einige Ziegen unters Messer nehmen. Ernie hat es sich inzwischen in seinem Krankenlager bequem gemacht und seinen verdienten Schlaf gefunden.