Der Brite C. P. Snow, von der Ausbildung her Naturwissenschaftler, der Berufung nach Schriftsteller, erzählt 1959 in seinem Essay über "Die zwei Kulturen" die folgende Anekdote. In größerem Kreis, offenbar an seiner Universität Cambridge, habe er häufig literarisch hochgebildete Leute getroffen, die sich beim Geplauder mit beträchtlichem Genuß über die angebliche Unbildung der Naturwissenschaftler mokierten.

"Ein- oder zweimal habe ich mich provozieren lassen und die Anwesenden gefragt, wie viele von ihnen mir das zweite Gesetz der Thermodynamik angeben können. Man reagierte kühl, man reagierte aber auch negativ.

Und doch bedeutete meine Frage auf naturwissenschaftlichem Gebiet etwa dasselbe wie: Haben Sie etwas von Shakespeare gelesen?"

Fast vier Jahrzehnte danach scheint sich die Kluft zwischen naturwissenschaftlicher und literarisch-philosophischer Kultur eher noch vergrößert zu haben. Jedenfalls fürchtet dies George Steiner, der große Literaturwissenschaftler und Kosmopolit aus Europa. "Eine der lähmenden Schwächen der zeitgenössischen westlichen Literatur ist ihre mangelnde Bereitschaft oder ihre Unfähigkeit, sich mit dem fröhlichen und frei fluktuierenden Geist der Naturwissenschaften einzulassen", beklagte Steiner jüngst in seiner Rede zum 50. Jubiläum des Edinburgher Festivals. Fragwürdig sei die Gleichsetzung der Kunst mit Anstand und Fortschritt geworden die meisten der begabtesten Menschen seien in den Naturwissenschaften tätig und betrieben eine fröhliche Wissenschaft bar vom "Odium theologicum, welches die erbitterten Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Schulen und Bewegungen in den Geisteswissenschaften verströmen".

Ähnliche Klage wie Snow oder Steiner führt nun auch John Brockman in "Die dritte Kultur", einem Kompendium ganz eigener Art, erschienen als Bertelsmann-Taschenbuch (btb Nr. 72035, 22 Mark). Auf fast sechshundert Seiten soll hier ganz bescheiden nichts Geringeres als "Das Weltbild der modernen Naturwissenschaft" entworfen werden.

"Die dritte Kultur", so die These des Herausgebers John Brockman, "das sind Wissenschaftler und andere Denker in der Welt der Empirie, die mit ihrer Arbeit und ihren schriftlichen Darlegungen den Platz der traditionellen Intellektuellen einnehmen, indem sie die tiefere Bedeutung unseres Lebens sichtbar machen und neu definieren, wer und was wir sind." Einige der von Brockman versammelten Autoren hat auch die ZEIT bereits zu Worte kommen lassen oder vorgestellt, etwa den Philosophen Daniel Dennett, den Physiker Roger Penrose oder den Sprachforscher Steven Pinker.

Was bei C. P. Snow noch Erstaunen, bei George Steiner Entsetzen auslöste, das wird bei Brockman, kundiger und cleverer Literaturagent (wir hören schon das Naserümpfen hiesiger Rezensenten), fast schon zur Verachtung der traditionellen Intellektuellen. Für ihn sind sie schlicht reaktionär, weil ihre Kultur die Naturwissenschaften einfach verleugne und auch noch stolz darauf sei. Doch habe sich die Lage in einem Punkt grundlegend geändert: "Die literarischen Intellektuellen reden auch heute nicht mit den Naturwissenschaftlern aber Naturwissenschaftler wenden sich unmittelbar an das allgemeine Publikum", zumindest in den Vereinigten Staaten und Großbritannien.