Der Weg der Frauen aus ihren einsamen Anden-Dörfern, 3000 bis 4000 Meter hoch gelegen, kann fünf oder sechs oder sieben Stunden dauern. Sie strömen in Mollepata zusammen. Der Ort, zu dem vierzehn kleine Gebirgsdörfer gehören, liegt zu Füßen wuchtiger Gipfel, auf denen, so der Glaube der Inka, überirdische Mächte wohnen.

Die knapp fünfzig Frauen, die diesmal dorthin gekommen sind, sind bitterarm wie alle Nachfahren des einstigen Herrschervolkes von Peru, das binnen weniger Jahre von den Spaniern unterjocht wurde.

Die Frauen kämpfen ums tägliche Überleben, gegen die Kälte, die Armut und gegen die Krankheiten ihrer rauhen Welt.

Zwei Pflanzenspezialistinnen des Zentrums für Anden-Medizin (CMA) haben sich mit einem Geländewagen aus Cuzco, der einstigen Inkahauptstadt, hierher durchgeschlagen. Libia Pinares, 41, und Maria Luisa Villafuerte, 33, leiten Ausbildungskurse in Naturmedizin. Die Dörfer von Mollepata haben weder einen Arzt noch eine Apotheke, und selbst wenn sie so etwas hätten, könnten die Leute die aus dem reichen Norden importierte Medizin kaum bezahlen.

"Was wußten wir vorher schon von unseren Pflanzen?" fragt Margarita Pereira Salas, die Präsidentin des Frauenkomitees von Mollepata, das die CMA-Leute ins Dorf gerufen hat. "Nichts wußten wir von Pflanzen, absolut nichts. Wir haben sie zum Fegen im Haus benutzt und mit ihnen Hühnerstalldächer gebaut. Und wenn jemand von uns krank geworden ist, dann haben wir gejammert, daß die Apotheke so weit und so teuer ist." Das Wissen der Inka über die Heilkraft der Anden-Kräuter ist heute vergessen. Gemeinsam wollen die Frauen es nun zurückholen. "Wir wollen keine Opposition zur westlichen, modernen Medizin", sagt Libia Pinares, "wir wollen sie nur ergänzen."

Ihre Kräuter, das wissen sie, helfen nicht gegen Bandscheibenschaden oder Krebs. Sie wollen die Pflanzen auch nicht dazu benutzen, um mit ihrer Hilfe die Götter anzurufen, wie es die wenigen Erben der Inkamedizin, die indianischen curanderos, noch heute tun.

Sie wollen nur die irdischen Kräfte der Pflanzen nutzen.