Todernst greifen vier junge Musiker zu ihren Instrumenten: Säge, Eislöffel, Pappeimer, Styroporblock. Damit bearbeiten sie einen gewaltigen Gong, zwei weitere Nachwuchskünstler regeln die Mikrophone 25 Minuten verstärktes Quietschen, Scheppern, Klappern, Rumpeln und Schreien - die Mikrophonie 1 von Karlheinz Stockhausen ist der optimale Einstieg zum 4. Europäischen Kongreß für Musiker-Medizin und Musikphysiologie in Hannover.

Denn Musik und Medizin sind eng verquickt, und gerade Stockhausen sagt man große Wirkung nach. "Magengeschwüre durch Stockhausen?"

schrieben die Zeitungen, weil eine Studie an drei Orchestern gezeigt habe, daß die Musik von Stockhausen, Penderecki und Boulez gesundheitsschädlich sei. Angeblich verursachte die moderne Musik bei Orchestermusikern Depressionen, Schlafstörungen, Verdauungsprobleme und Impotenz.

Der Komponist selber soll dazu nur gesagt haben: "Ungewohnte Modulationen von Beethoven oder Schubert haben die Leute früher auch schon verrückt gemacht."

Musik macht angeblich nicht nur magenkrank und traurig, sondern auch schlau. Das will eine Studie an 180 Berliner Grundschulkindern zeigen. Seit 1992 untersuchten Wissenschaftler jährlich Intelligenz, Kreativität und Sozialkompetenz der Kinder. sie fanden heraus, daß Schüler, die von der Schule Musikförderung erhielten, toleranter und friedlicher seien als ihre Mitschüler, die keinen Musikunterricht bekamen. Ihr Realitätssinn und ihre Intelligenz entwickelten sich außerdem besser. Daß sich Musik auf die Gehirnentwicklung auswirkt, ist nicht neu bereits zu Beginn unseres Jahrhunderts fanden Forscher bei Untersuchungen an Verstorbenen Unterschiede zwischen den Gehirnen von Musikern und Nichtmusikern.

Viel genauer lassen sich die Unterschiede mit heutiger Technik am lebenden Menschen zeigen. Der Düsseldorfer Neurologe Gottfried Schlaug durchleuchtete in Boston mit der Magnetresonanztomographie professionelle Musiker und Nichtmusiker. Dabei erwiesen sich Musikerhirne als symmetrischer, außerdem ist die Verbindung zwischen den beiden Hälften, der Balken (Corpus callosum), ausgeprägter als bei Nichtmusikern.

Dadurch könnte der Informationsfluß zwischen den beiden Großhirnhälften besser sein. Der Balken war um so stärker, je früher die Musiker ihr Instrument erlernt hatten. Musikertypisch verändert er sich nur dann, wenn Kinder vor dem achten Lebensjahr angefangen hatten, ein Instrument zu erlernen. Mit der Pubertät ist dann auch die Entwicklung der Großhirnrinde abgeschlossen, nur kleine Teile bleiben bis zum zwanzigsten Lebensjahr ausbaufähig.