Leichtsinn prangert die Bergrettung häufig als Ursache von Unfällen beim Wandern und Klettern an. Die psychologischen Hintergründe solchen Fehlverhaltens aber untersucht kaum jemand genauer.

In bestimmten Momenten schaltet das Bewußtsein auf Sparflamme: Risiken werden falsch eingeschätzt. Solche Situationen kenne jeder, der ab und zu in den Bergen wandert, berichtet der Psychologe und Bergführer Martin Schwiersch, der sich seit zehn Jahren ausführlich mit diesem Thema befaßt.

Besonders leistungsmotivierte Menschen neigen dazu, objektive Risiken zu unterschätzen. Wer zwei Wochen lang bei gutem Wetter viele großen Touren gemacht hat, will sich durch einen drohenden Wettersturz nicht den letzten Tag verderben lassen und bricht trotz Warnung auf. Ein anderes Beispiel: Wer von weit her angereist ist und noch eine Stunde an der Bergbahn Schlange gestanden hat, läßt sich ungern von der schwierigen Stelle gleich am Anfang des Wegs abschrecken. Es wäre blamabel, wenn die anderen Bergwanderer sehen, daß man umkehrt, denkt mancher in solchen Situationen - und ignoriert die Gefahr.

In Gruppen verstärken sich Fehleinschätzungen, und die Risikobereitschaft wächst selbst bei besonnenen und umsichtigen Wanderern. Jeder sieht die Gefahr, keiner spricht sie an, weil jeder darauf wartet, daß der andere etwas sagt.

Niemand will als Bremser dastehen und zugeben, daß seine Kondition schlechter ist als die der anderen. So wird oft ein Tempo angeschlagen oder eine Tour gewählt, die gar nicht alle schaffen können. Stärkere Gruppenmitglieder propagieren manchmal sogar Ziele, die sie allein nie angehen würden. Der Grund: Man will sich profilieren. Nur eine Verhaltensweise hilft, solche fatalen Gruppenmechanismen zu vermeiden: Jeder einzelne muß seinen Partnern, aber auch sich selbst gegenüber völlig offen seine Ängste oder Schwächen zugeben.

"Besser als Feigling dastehen als in den Tod wandern", sollte der Kodex lauten.

Gelegentlich wundert sich ein Gruppenwanderer über den Weg, den die Wanderer an der Spitze einschlagen. Zweifel werden unterdrückt nach der Devise: "Die da vorne werden's schon wissen." Beim Bergwandern sollte jedoch gemeinsam über alle Schritte geredet werden.