Nach Schilda ist es nicht weit, vielleicht sechs Kilometer. Dort hat man die schwarzen Qualmwolken früher gesehen. Aber das ist vorbei. "Louise" raucht nicht mehr. Kalt reckt sie die weiß-rot karierte Spitze ihres Schornsteins in den Himmel. Im Kübel vor dem Tor blühen Geranien, Wicken ranken am Gartenzaun, und der Rasen ist frisch gemäht. Nichts zischt, rattert, dampft. Louise ist zum Denkmal geworden. Zwar ruhen derzeit aus Finanznot die Restaurierungsarbeiten, doch fest steht: Sie soll überleben - und mit ihr ein Stück DDR. Hier wurden aus Braunkohle Briketts gemacht.

Ein Stück DDR? Louise ist viel älter. Da steht noch die Zeitzer Presse von 1882, Modell 73 für Salonbriketts, und die jüngste Einrichtung zum Trocknen der Kohle, ein sogenannter Röhrentrockner, ist auch schon mehr als siebzig Jahre alt. Technikfreunde sind begeistert. Mit diesen museumsreifen Maschinen wurde hier produziert, bis am 18. November 1991 der letzte Stein vom Strang fiel. Es war auch dieses feste Inventar, das die Denkmalschützer des Landes Brandenburg reizte, die alte Fabrik im September 1992 zum technischen Denkmal zu erklären. Aber die Louise ist mehr. Sie umgibt ein Geheimnis: Warum durfte sie so alt werden, so lange noch produzieren?

Immerhin gab es schon vor 1945 Pläne, das Werk zu schließen. Und dennoch qualmte der Schornstein weiter.

Ein Vorteil: Ihr Standort bei Bad Liebenwerda, anderthalb Autostunden südlich von Berlin, eine nördlich von Dresden. Ein paar hundert Menschen biegen im Monat von der Hauptstraße ab und fahren durch die vom Tagebau zerfressene Landschaft, deren Wunden mit einer dünnen Schicht Ackerböden, jungen Bäumen, Teichen und Tümpeln verpflastert sind. Mancherorts bricht das Erdreich mitsamt Löwenzahn abrupt ab und verschwindet in einem Trichter. Schließlich lichten sich die Bäume, und über der schmalen, asphaltierten Straße spannt sich ein rostiger Bogen: "Braunkohleveredelung Lauchhammer/Brikettfabrik 62 Domsdorf/1882 - 100 Jahre - 1982" grüßt ein Schild. Das "VEB" davor hat jemand weggekratzt.

Ein Gitter versperrt den Eingang. Ein Mann in Drillich steht davor, umringt von einer Schar Ausflügler. Jürgen Bartholomäus ist fast immer da. Die Louise zu erklären ist sein Beruf, unbezahlt zwar, aber: "Ich muß das machen", sagt er, "sie können ja mit sechzig nicht alles hinlegen." Er schiebt das Absperrgitter zur Seite.

Wenn Jürgen Bartholomäus erzählt, wird schnell klar: Die Louise ist eine Rarität. Sie ist die wohl älteste komplett erhaltene Brikettfabrik in Europa. Alles ist hier zu finden: die Stationen vom Bunkern der Kohle über das Zerkleinern und Trocknen bis zum Pressen der Briketts.

Wie aber arbeitete die Louise zu Zeiten der DDR? Jürgen Bartholomäus lenkt die Blicke auf ein kleines Photo. 1958, erzählt er, waren die Abbaugebiete rund um Domsdorf erschöpft. Jetzt hätte man die Fabrik eigentlich stillegen müssen. Statt dessen beschloß man, die Kohle aus der Region bei Lauchhammer zu holen. "Eine unrentable Geschichte", schimpft Bartholomäus.