Die Geschichte des Eisenbahntunnels unter dem Ärmelkanal gleicht aufs Haar den Verhandlungen über seine Schulden. Der Tunnel verbindet so verschiedene Länder wie Frankreich und Großbritannien. Die Verhandlungen mußten die widersprüchlichen Interessen von 750 000 Kleinaktionären und 225 Gläubigerbanken auf einen Nenner bringen.

Eröffnung und Einigung verzögerten sich etliche Male, und am Ende stand in beiden Fällen ein Superlativ: ein Jahrhundertbauwerk vor zwei Jahren und jetzt der größte Umschuldungsplan der jüngeren Unternehmensgeschichte des französisch-britischen Betreibers - immerhin über 72,8 Milliarden Franc (21,4 Milliarden Mark).

Dabei war Eurotunnel ursprünglich als Musterbeispiel für Volkskapitalismus geplant. Kein Pennny Steuergelder, sondern nur die Ersparnisse britischer und französischer Privatanleger sollten die erste Festlandverbindung Großbritanniens mit Kontinentaleuropa finanzieren, insistierte die britische Premierministerin Margaret Thatcher Mitte der achtziger Jahre. Regierungen und Anlageberater versprachen eine Wunderaktie mit den Zinsen eines Hochrisikopapiers und der Sicherheit einer Staatsanleihe. Hunderttausende naiver Kleinaktionäre drängelten sich 1987 zur Börseneinführung von Eurotunnel und statteten das Unternehmen mit 23 Milliarden Franc (6,8 Milliarden Mark) Aktienkapital aus. In der Anfangseuphorie stieg der Aktienkurs von 35 auf 128 Franc.

Doch eine Katastrophe nach der anderen trieb den Kurs schon bald in den Keller - zeitweise gar unter fünf Franc. Hilflos schauten die Kleinaktionäre zu, wie die Baukosten explodierten und sich die Eröffnung des Tunnels um achtzehn Monate verzögerte. Als die Hochgeschwindigkeitszüge im Dezember 1994 endlich in knapp drei Stunden Reisezeit Paris mit London verbanden, drückte ein erbitterter Preiskrieg mit den Kanalfähren die Passagier- und Umsatzzahlen.

Immer neue Milliardenkredite sicherten zwar das Überleben von Eurotunnel kurzfristig. Doch der Schuldendienst war 1995 mit sechs Milliarden Franc doppelt so hoch wie der Umsatz. Ein Konkursverfahren nach französischem und britischem Recht gleichzeitig drohte - ein juristischer Alptraum.

Allein diese Perspektive garantierte die Zu-stimmung der Gläubigerbanken zu dem kompli-zierten Umschuldungsplan. Zwar müssen auch die Geldhäuser für die Fastpleite ihres Schuldners mitbezahlen. Denn der vereinbarte niedrigere Schuldenzins wird die 225 Kreditinstitute 20 Milliarden Franc kosten. Doch die Umwandlung eines Teils ihrer Ansprüche in Aktien macht die Banken zu Eurotunnel-Großaktionären.

Künftig bestimmen sie die Unternehmensstrategie.