Am Wochenende feierte die Oper Hamburg ein Fest für den vergessenen Opernkomponisten Alexander von Zemlinsky. Und alles, was in der Welt der Oper Rang und Namen hat, kam und feierte mit: namhafte Opernintendanten wie Quander aus Berlin oder Bachler aus Wien und namhafte Operndramaturgen wie Gruber aus Bielefeld, berühmte Opernregisseure wie Hans Neuenfels und berühmte Opernfans wie Ulla Hahn.

Erst fand ein kleines Symposion statt mit Zemlinsky-Experten.

Dann wurde erstmals der Alexander-von-Zemlinsky-Preis verliehen, natürlich an das Hamburger Opernhaus, wo vor fünfzehn Jahren mit der Wiederausgrabung zweier Zemlinsky-Einakter die Zemlinsky-Renaissance recht eigentlich begonnen hatte. Schließlich schritt man zur Uraufführung von Zemlinskys letzter, vor sechzig Jahren komponierter, freilich kürzlich erst von kundiger musikwissenschaftlicher Hand (Antony Beaumont, im Hamburger Auftrag) instrumentierten und vollendeten Oper "Der König Kandaules". Herrliche junge Sänger (Nina Warren, Monte Pederson), märchendurchwehte Bühnenbilder (Gottfried Pilz), eine kammerspielhaft gefeilte Personenregie (Günter Krämer) und ein strahlend stürmendes Orchester (unter Leitung von Gerd Albrecht).

Am Ende ein nicht enden wollender Applaus: Glanz, Glück und Sieg!

Sieg erstens für Hamburgs Oper, die sonst nicht oft den ersten Platz belegt unter den Opernhäusern der Welt. Sieg zweitens für Alexander von Zemlinsky, den ewigen Zweiten und Verlierer von der Schattenseite der Musikgeschichte den Sackgassenkomponisten und Zwischenträger, Vorläufer und Nachahmer den Lehrer von, Epigonen von, Schwager von, Fußnote von . . .

Zemlinskys Kompositionen, von denen man vor wenigen Jahren noch sicher wußte, daß ihnen das gewisse Etwas fehle und damit die Kraft, sich durchzusetzen: Sie haben heute Konjunktur. Zumal seine Opern werden viel nachgespielt, sie sind theaterwirksam und passend auch für kleinere Bühnen in diesem Jahr grub man etwa in Trier Zemlinskys Erstling "Sarema" aus, in Kaiserslautern zeigte man kürzlich seinen "Kreidekreis". Aber auch im Schallplattenkatalog und in den Klassikradioprogrammen ist Zemlinskys Musik, vor allem seine "Seejungfrau", mittlerweile gut sortiert vorhanden. Es sieht ganz so aus, als sei ein historischer Irrtum mit Erfolg korrigiert worden: Die Exhumierung ist gelungen, der Patient lebt.

Aber Achtung! Das Quicklebendigste im gegenwärtigen Musikbetrieb sind überall immer noch die schön geschminkten Mumien. Gerade die Gattung Oper liebt den Glanz aus Gestern, und leider ist, wie der alte Opernkämpe Everding neulich wieder einmal so trefflich sprach, die "Altgier" heutzutage viel stärker als die Neugier.