Der Mann mit der Aktentasche hat es eilig. Gleich nach Feierabend steuert er die Parkbank am Rande des Boulevards an, auf der seine Freunde bereits warten. Er kramt Dominosteine hervor, und schon sind die drei ins Spiel vertieft. Schnell bildet sich, wie um die anderen Bänke auch, eine Traube von Zuschauern: Männer mittleren und fortgeschrittenen Alters, die lebhaft das Spiel kommentieren.

Die Frauen, Kinderwagen vor sich herschiebend, flanieren unterdessen auf der Promenade.

Im Sommer gibt sich Lwiw mediterran. Den Nachmittag, den frühen Abend verbringt man hier am liebsten im Freien, auf dem Svobody-Prospekt, was soviel bedeutet wie Boulevard der Freiheit. Bis die Ukraine 1991 unabhängig wurde, hieß die Stadt auf russisch Lwow und ihre Prachtstraße Lenin-Prospekt. Und als der Vielvölkerkaiser Franz Joseph noch seine Donaumonarchie regierte, hieß sie Lemberg.

Rechts und links vom grünen Mittelstreifen mit seinen Bäumen und Bänken fließt der Feierabendverkehr. Gediegene Gründerzeitbauten säumen den Korso. Der vertraute Anblick der mitteleuropäischen Architektur wird nur irritiert durch ukrainische Ladenreklame in kyrillischer Schrift. Am First eines Hauses thront als Skulptur eine üppige Dame. Die Strahlenkrone auf ihrem Haupt weckt Assoziationen an New Yorks Freiheitsstatue. Aber die Prächtige stellt seit jeher Galizien dar: das Land an der Schnittstelle zwischen Mittel- und Osteuropa. Dessen Hauptstadt Lemberg war damals, als hier noch die Österreicher herrschten, nach Wien, Budapest und Prag die viertgrößte Stadt der Donaumonarchie. "Natürlich", sagt die Uni-Dozentin Nadja, die gelegentlich als Dolmetscherin für Touristen arbeitet, "denken wir manchmal darüber nach, wie gut es uns heute ginge, wenn wir immer noch zu Österreich gehören würden."

Bei der Ersten Polnischen Teilung 1772 hatten die Österreicher Galizien besetzt nach dem Ersten Weltkrieg, nach dem Niedergang der k.u.k. Monarchie, erhielten die Polen das Gebiet um Lemberg zurück und mußten es 1945 an die Sowjetunion abtreten. Den Wienern galt der Nordosten ihres Vielvölkerstaates als rückständig und seine Bewohner, darunter besonders viele Ostjuden, als ein wenig primitiv. Ein "bunter Flecken im Osten Europas" sei die Stadt Lemberg, beschrieb hingegen Joseph Roth die Metropole seiner galizischen Heimat in der Kleinstadt Brody, einem jüdischen Schtetl, war er aufgewachsen und hatte sich für ein Semester an der k.u.k.

Universität Lemberg immatrikuliert, bevor er 1913 nach Wien ging.

Damals war Galizien das Armenhaus der Monarchie, und der k.u.k.