Erste Etappe: Altkirch bis Pont-de-Roide. Rituale braucht der Radfahrer, weshalb wir uns im elsässischen Altkirch feierlich das Versprechen abnehmen, keinen Scharping zu bauen: Was schlicht heißt, nicht über den Lenker abzusteigen und täglich mehr als 20 Kilometer zu fahren. Das ist nicht weiter schwierig. Eine Woche später kommen wir weitgehend unlädiert im Mâconnais an, nach 470 Kilometern Straße unterschiedlichster Güte, schätzungsweise 49 Litern Badoit und einmal Platten.

Ballastarm fahrende Tagesradler, asketische Kilometerfresser oder Tour-de-France-Glotzer mit aus reiner Sympathie glattrasierten Waden wird das womöglich wenig beeindrucken. Aber auch für geübte Amateure hat es die Strecke am Rande des Jura durchaus in sich.

Hinter unserem Abfahrtsort Altkirch geht es indes noch gemäßigt zu, was auch gut so ist, denn der alternative Fahrradladen, in dem meine Freundin Margareta ihr leichtes Rennrad mit einer etwas besseren Gangschaltung hat ausrüsten lassen, hat es in vieler Hinsicht an der rechten Einstellung fehlen lassen. Auf den großen Zahnkranz vorne läßt sich nicht umschalten, und das zur Justierung nötige Werkzeug fehlt in unserer Sammlung. War bei den schlamperten Fahrradmüslis womöglich Arroganz jener Art im Spiel, die Verkaufspersonal behaupten läßt: "Gnädige Frau, das brauchen Sie doch alles gar nicht." Und zwar nur, um hundsschwere Fahrräder an die Frau zu bringen, die jede Menge unnötige Teile wie Schutzbleche, dynamobetriebene Lichtanlagen und geflochtene Einkaufskörbchen aufweisen, aber keine vernünftige, also auch berggängige Schaltung. Und die mit einer Geometrie ausgestattet sind, die perfekt verhindert, daß man die Kraft, die man in den Beinen hat, auch auf die Pedale und damit auf die Straße bringt. Einen Vorteil hat die technische Betagtheit von Margaretas Fahrrad immerhin: Schon die Qualität der Bremsen ließe einen stilechten Scharping gar nicht zu - mit deren Bremsweg würde sie jedes Bresse-Huhn, das sich ihr in den Weg wirft (und davon haben wir später reichlich), glatt und platt machen.

Von Altkirch aus fahren wir gemütlich, fast an der Schweizer Grenze entlang, gen Pont-de-Roide, wo wir uns mit dem Nötigen, nämlich dem Ersatz für den vergessenen Lippenstift versorgen. Ab hier bleibt uns die französische Provinz treu: Wir finden die erste in einer Reihe kleiner Herbergen, in denen ein Zimmer nicht mehr als 150 Franc kostet, immer zwei davon frei sind und das Essen passabel schmeckt. Am knochenharten Jura-Wein, den man in dieser Gegend ausschenkt, kann es nicht gelegen haben, daß ich am nächsten Tag meine Wasserflasche im Hotel vergesse und die drei Kilometer zurückfahren muß, die wir bereits gen Vermondans heraufgekraxelt sind.

Zweite Etappe: Pont-de-Roide bis Baume-les-Dames.

Denn das ist, im Unterschied zu Schutzblech und Klingel, beim Fahrradfahren wirklich nötig: Wasser, reichlich und rechtzeitig.

Unnötig hingegen ist alles, was den Untersatz schwer macht, den man zur Not auch mal schieben oder eine lange steile Treppe hinauftragen können muß. Womit auch die Frage beantwortet ist, ob Fahrradklamotten, die das Radfahren heutzutage schon teurer machen als das Tennisspielen, unter die ästhetischen Belästigungen zu zählen oder richtig, wichtig, unerläßlich sind.