Interviews mit Staatsmännern beginnen selten pünktlich. Immer ist da noch eine Krise zu beheben, oder das rote Telephon klingelt.

Jean Chrétien hingegen empfängt auf die Minute und bestens präpariert.

"Gutes Regieren" ist in Kanada Verfassungsziel. Für den Premier gehören dazu Integrität, Solidität und Seriosität. "Politik ist zudem die Kunst, ständig mit dem Rücken zur Wand zu gehen", sagt er.

Von Pomp hält der 62jährige wenig. Sein Privatleben bleibt privat.

Spötter bezeichnen das achtzehnte von neunzehn Kindern einer Arbeiterfamilie aus Shawinigan in Québec als "in mehreren Sprachen wortkarg".

In einer Wahlschlacht entblödeten sich Gegner nicht, auf seine leicht schiefen Gesichtszüge anzuspielen - die Folgen einer Erfrierung, die er als Jugendlicher erlitten hatte. Chrétien entgegnete: "Ich mag ein schräges Gesicht haben, aber keinen schrägen Geist wie manch andere."

Unumstritten ist des Premiers politische Erfahrung: Pierre Trudeau diente er in zahllosen Ministerämtern, seit drei Jahren regiert er das Land erfolgreich und ist sogar - was in Kanada bislang äußerst selten vorkam - populär. Chrétien blieb ein Mann des Volkes, obschon er es zwischendurch als Berater zum Millionär gebracht hat. Als ihn unlängst einmal Demonstranten rüde anpöbelten, wehrte er sich ebenfalls handgreiflich. Der Premier in Ottawa wird häufig mit dem Kanzler in Bonn verglichen. Chrétien schmunzelt darüber.