DUISBURG. - Vor knapp neun Jahren, im Rheinhausener Arbeitskampf, nannten sie ihn den "Lech Walesa von Duisburg": Manfred Bruckschen, Betriebsratsvorsitzender des Krupp-Stahlwerks. Das war vermutlich schon damals zuviel der Ehre. Denn als Stratege und Unterhändler tat nicht er sich hervor, sondern sein Stellvertreter Theo Steegmann.

Und als mitreißender Redner, der die Kruppianer zu immer neuen Aktionen motivierte, lief der Selfmademan Helmut Laakmann, der es vom vierten Schmelzer bis zum Abteilungsleiter gebracht hatte, Bruckschen den Rang ab.

Dennoch ging der Betriebsratschef als großer Arbeiterführer in die Geschichte ein und wurde 1990 von der SPD, der er seit 41 Jahren angehört, mit einem Duisburger Landtagswahlkreis belohnt.

Natürlich wollte die Partei auch von Bruckschens Popularität profitieren - ein Kalkül, das aufging: Noch bei der letzten Wahl im Mai 1995, als die Sozialdemokraten nach fünfzehn Jahren ihre absolute Mehrheit einbüßten, holte der gelernte Dreher 58,7 Prozent der Wählerstimmen, sein Gegenkandidat von der CDU kam auf 26 Prozent.

Inzwischen ist das Aushängeschild jedoch zur Belastung für die Landes-SPD geworden. Wiederholt machte Bruckschen mit privaten Schwierigkeiten und Alkoholproblemen Schlagzeilen. Ende April beispielsweise randalierte der 58jährige, der dem Innenausschuß des Landtags angehört, betrunken in der Wohnung seiner Freundin und beleidigte Polizisten. Gegen Zahlung von 4000 Mark wurde das Verfahren eingestellt.

Zur Freude der Boulevardpresse bemühte der Abgeordnete unlängst das Amtsgericht, um sich per einstweilige Verfügung Einlaß in die Wohnung zu verschaffen, aus der ihn die Freundin kurz zuvor geworfen hatte. Das Gericht gab ihm recht, verpflichtete ihn aber, bis zum 14. Oktober die Wohnung zu räumen.

Eine regelrechte Woge öffentlicher Empörung löste er jedoch vergangene Woche aus. Die Telephone in der SPD-Landtagsfraktion standen nicht mehr still, nachdem bekanntgeworden war, daß Bruckschen, der Anfang dieses Jahres über den Sozialplan bei Krupp ausschied, jeden Monat Arbeitslosengeld in Höhe von rund 3000 Mark kassiert - zusätzlich zu seinen Diäten von 8370 Mark sowie der steuerfreien Pauschale von 3465 Mark.

Formal ist dagegen nichts einzuwenden: Diäten werden nicht als Einkommen gewertet, und deshalb hat Bruckschen Anspruch auf das Arbeitslosengeld. Doch "selbst wenn etwas völlig legal ist, kann sich die Frage nach der Moral stellen", formulierte es noch recht zurückhaltend CDU-Fraktionschef Helmut Linssen.

Auch die SPD-Fraktion ging deutlich auf Distanz. Nach einer Sitzung, auf der Bruckschen "entschuldigt fehlte", erklärte Fraktionschef Klaus Matthiesen: Auch wenn es "rein rechtlich nicht zu beanstanden" sei, daß ein Parlamentarier Arbeitslosengeld bezieht, "kann dafür Verständnis nicht erwartet werden".

Bruckschen selbst hat inzwischen angekündigt, sein Arbeitslosengeld von sofort an einem Rheinhausener Verein zu spenden, der Menschen betreut, die psychosoziale Hilfe brauchen. Doch der Verein sollte sich nicht zu früh freuen: Inzwischen überprüft die Bundesanstalt für Arbeit den Fall. Ein Sprecher erklärte vergangene Woche, es könne durchaus sein, daß Diäten sehr wohl als Einkommen gelten.

Dann müßte Bruckschen das Geld vermutlich sogar zurückzahlen.