Wieder hat der Literaturkritiker die Frankfurter Bücherflut tapfer durchschifft, hat pünktlich kluge Worte für noch klügere Werke gefunden. Und doch ist ihm das wichtigste Buch erneut durch die Lappen gegangen, das prominente, in der "Tagesschau" oft erwähnte, das vielzitierte "Buch der Geschichte".

Trotz härtester Recherche konnten weder Verlag noch Ladenpreis ermittelt werden, einzig die Pseudonyme des Autorentrios dürfen wir an dieser Stelle erstmals ausplaudern: "Historischer Augenblick", "Wind der Geschichte" und "Epochales Ereignis". Streng wachen die drei darüber, wem sie ihr Werk zugänglich machen, und strenger noch, wen sie darin erwähnen. Klar, der Kanzler hat neben dem Aquarium mindestens vierzehn Bände in Goldschnitt, randvoll mit Helmut-Historie. Doch was macht der bedeutungsschlankere Zeitgenosse?

Die frohe Botschaft: Auch er darf sich eintragen in das begehrte Buch. Einzige Voraussetzung: der Erwerb eines fetten Filzstiftes oder anderer abwaschresistenter Schreibwaren.

Schließlich ist das Buch der Geschichte ein interaktives Werk, das sich vor allem dem Kritzel- und Malbegeisterten gerne öffnet.

Die derzeit beliebtesten Seiten: S-Bahn-Bänke, Stromkästen und frischgeweißte Räume öffentlicher Pissoirs. Orte intimster Inspiration, voll kryptischer Krickelkrakel, die so manches Forscherleben künftiger Ethnologen mit viel Freude füllen dürften.

Bei günstiger Schicksalslage kann selbst ein niederer Wandspruch auch in politische Sphären vordringen, wie in die von Rita Süssmuth.

Die Bundestagspräsidentin plagen momentan Entscheidungsnöte, weil russische Soldaten im Siegestaumel 1945 den Reichstag in Berlin mit vielen netten Erinnerungsinschriften übersäten. Iwan grüßt die Nachwelt auf den Innenwänden der Umbauruine ebenso freundlich wie Igor der gemeine Gefreite verewigte sich mit Kohle, die höheren Chargen mit blauer Kreide. Unter Glas wird das Geschreibsel jetzt für zukünftige Bundestagsgenerationen konserviert.