Der neue Nils Holgersson hat Format. Anders als sein zwergengroßes Vorbild reist der Kanadier William Lishman als Leitvogel in einem Leichtflugzeug mit einer Schar Kanadagänse gen Süden. Die ungewöhnliche Reise und ihre verworrene Vorgeschichte beschreibt der 57 Jahre alte Bildhauer jetzt in einem reich bebilderten Buch ("Vater der Gänse", Droemer Knaur, München 1996, 224 Seiten, 39,80 DM).

Die Faszination des Vogelflugs entdeckt der Künstler, als er zufällig mit seinem Fluggerät in einen Schwarm Enten gerät und in dem Pulk mitfliegt. Später lernt er Bill Carrick kennen, einen Vogelexperten, der Wildgänse für Naturfilme dressiert - eine Begegnung mit Folgen: Nach sorgfältiger Konrad-Lorenz-Lektüre leert nun auch Lishman Wildgansnester, prägt die schlüpfenden Küken auf sich und spielt fortan Gänsemutter. Neben der Arbeit an großen Metallskulpturen wie dem Verkehrsturm für die Expo 1986 in Vancouver bastelt Lishman unentwegt an seinen Flugzeugen und kümmert sich um seine geflügelten Zöglinge.

Die Gänse fliegen bald brav hinter Lishmans Motorrad her. Doch als die Maschine streikt, wollen sie eine neue nicht akzeptieren.

Dabei gleicht sie dem Vorgängermodell aufs Haar. Des Rätsels Lösung liegt in der Akustik: Das Motorengeräusch des Nachfolgemodells ist kaum hörbar verändert. Lishman lernt aus der Panne. Mit der Bandaufnahme seines Flugzeugmotors soll die Prägung für den geplanten Flug besser gelingen. Verschiedene Gänsegenerationen vergehen, Motorräder und Leichtflugzeuge werden verschlissen, bis es Lishman im Oktober 1993 gelingt, achtzehn Kanadagänsen den Weg südwärts nach Virginia zu zeigen. Dreizehn von ihnen kehren im Frühling allein nach Ontario zurück.

Jetzt will William Lishman die bedrohten Schreikraniche retten, indem er ihnen auf dem Weg ins Winterquartier als Leittier vorausfliegt.