Es ist fast unmöglich, von Jürgen Schrempp nicht fasziniert zu sein. Endlich einer, der sagt, was er denkt, und tut, was er sagt: "Wenn die Fakten sind, wie sie sind, wird entschieden, dann wird nicht gekurvt und verzögert."

Worauf galt es also noch zu warten, als in der Vorstandssitzung bei Daimler-Benz die Empfehlung des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall auf dem Tisch lag, das kurz zuvor vom Bundestag verabschiedete Gesetz über Einschränkungen bei der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall schnellstmöglich umzusetzen? Zumal sich alle führenden Adressen der Metallbranche an die Parole ihrer Verbandsspitze halten wollten.

"Ich nenne das glaubwürdiges, konsequentes Handeln", verteidigte der Daimler-Chef sein Vorpreschen.

Daß er in falscher Einschätzung der Arbeitgebersolidarität und der Schmerzgrenze seiner Mercedes-Belegschaft in die Absatzfalle geraten war, wurde dem schneidigen Vollstrecker sehr schnell klar: Reihenweise knickten Verbündete von Siemens über Bosch bis BMW ein ohnmächtig mußten die Mercedes-Manager zusehen, wie die Belegschaften ihrer Werke die Arbeit zu Protestkundgebungen niederlegten und bereits vereinbarte Sonderschichten ausfallen ließen. Umsatzverlust: über 200 Millionen Mark.

Schon Mittwoch vergangener Woche schaltete der vor allem über den Umfall anderer Verbandsmitglieder aufgebrachte Konzernherr auf Schadensbegrenzung um. Im Vieraugengespräch mit dem mächtigen Gesamtbetriebsratschef Karl Feuerstein signalisierte er Rückzugsbereitschaft für den Fall, daß sich Arbeitgeber und Gewerkschaften an den Verhandlungstisch setzen sollten. Als sich die Spitzen von Gesamtmetall und IG Metall am Montag darauf verständigten, die Waffen ruhen zu lassen und den Konflikt auf dem Kompromißweg zu entschärfen, konnte Schrempp zwar ohne demütigenden Kotau vor den Gewerkschaften seinen Vorstandsbeschluß revidieren. Aber ein Gesichtsverlust blieb dem Hardliner an der Spitze des größten deutschen Industriekonzerns dennoch nicht erspart.

Wenn Daimler-Benz, zu Zeiten Hanns Martin Schleyers unbestrittener Meinungsführer im Arbeitgeberlager der Metallindustrie, den verhängnisvollen Parforceritt der Verbandsführung schon nicht verhinderte - wie konnte sich der Vorstand bei der Abwägung der Risiken ihres Vorstoßes derart täuschen? Bestätigt dürften sich all diejenigen fühlen, die an Schrempp bei allen bewunderten Macherqualitäten einen Mangel an Gespür für die sozialen und politischen Dimensionen seines Handelns feststellen. Daß dieses Defizit bislang an seinem Image wenig kratzte, lag daran, daß die Umstände, unter denen er ans Werk ging, eher seine Primärtugenden erforderten: den Mut, zurückzuschneiden, abzustoßen, zu liquidieren - schnell, kompromißlos und, falls erforderlich, auch brutal. Nach der Ära Reuter, in der notorische Kostgänger allzu lange durchgefüttert wurden, erschien er Börsianern, Bankern und Aktionären als Prototyp eines streng an ehrgeizigen Renditezielen orientierten Managers. Selbst der Konkurs seines love baby Fokker, das er selber, noch als Dasa-Chef, 1993 unter Daimlers Fittiche gebracht hatte, konnte ihm nichts anhaben, obwohl das Abenteuer ein 2,3 Milliarden Mark großes Loch in die Daimler-Bilanz riß.

Er liebe es, dort zu sein, "wo es heiße Zeiten gibt", hat Jürgen Schrempp einmal gesagt. Vielleicht war es kein Zufall, daß ein Mann seines Naturells immer dahin geschickt wurde, wo es bei Daimler beherzt anzupacken galt: 1974 für acht Jahre nach Südafrika, später nach Cleveland zu der in schwere Turbulenzen geratenen Nutzfahrzeugtochter Euclid, 1985 als Chef erneut zur südafrikanischen Mercedes-Organisation ans Kap und anschließend zu Hause zunächst ins defizitäre Nutzfahrzeuggeschäft und danach an die Spitze der unter permanentem Anpassungsdruck stehenden Dasa. Allein dreizehn Jahre seiner Karriere verbrachte Jürgen Schrempp auf schwierigen Auslandsposten, auf denen es fern des "deutschen Führungsmodells" auf schnelles, bisweilen unkonventionelles Handeln ankam. Wie sehr ihn diese Erfahrung geprägt hat, zeigt sich, wenn ihm gelegentlich die eine oder andere Unfreundlichkeit über die mangelnde Dynamik und den fehlenden Optimismus der Deutschen entschlüpft. Nicht ohne Grund ist sein großes Vorbild Jack Welch von General Electric, der anerkannte Star unter Amerikas Konzerngewaltigen.