Kinder lernen sprechen durch Zuhören.Sie nehmen wahr, wenn Eltern oder Geschwister mit ihnen oder untereinander sprechen.Das Kleinkind probiert Laute aus, es greift, fühlt und sieht, und irgendwann kann es die Wörter Personen und Gegenständen zuordnen.Es sagt "Mama" oder "Wauwau" und weiß, was es bedeutet.Kinder lernen die Muttersprache unbewußt, ohne daß es ihnen jemand beigebracht hätte.Läßt sich das auf andere Bereiche übertragen?Können Kinder Musik genauso mühelos und spieleris ch lernen wie das Sprechen der Muttersprache?Dieser Frage widmet sich ein Forschungsprojekt an der Musikhochschule in Freiburg. Am Freitagnachmittag gehört der Rhythmiksaal für eine halbe Stunde achtzehn vier- und fünfjährigen Kindern.Schüchtern halten sich manche an Vater oder Mutter fest, andere sitzen still da, einige toben herum.Daran ändert sich auch nicht viel, als Projektleiter Wilfried Gruhn und seine drei Mitarbeiter mit dem Programm beginnen. Sie tragen Lieder vor, bewegen sich zu Klaviermusik, springen zum ersten Schlag eines Taktes in einen Reifen.Manche Kinder lassen sich anstecken und machen mit, andere schweigen, einige lärmen, ein Junge streckt die Zunge raus, ein Mädchen hält sich die Ohren zu.Erst als eine Flötistin ihren Notenständer aufbaut und ein Stück vorspielt, werden alle Kinder ruhig doch noch bevor das Stück zu Ende ist, läßt bei den meisten die Aufmerksamkeit wieder nach. "So sind Kinder", sagt Musikpädagoge Roman Babler lakonisch. - "Wir wollen nicht disziplinieren, nichts forcieren, sondern eine musikalische Umgebung schaffen, die zum Lernen anregt", betont Wilfried Gruhn.Musik soll genauso selbstverständlich angeboten werden wie die Gesprächskulisse in der Familie, nur mit dem Unterschied, daß während des Projekts "Musik lernen" ein genau überlegtes festes Programm präsentiert wird.Vorgeführt werden Rhythmen, Grundtöne, Melodien, Musikinstrumente, häufig wird das Gehörte mit Bewegungen verbunden.Die Kinder dürfen mitmache n, aber sie müssen nicht. Analog zum Erwerb von Sprache soll sich auf diesem Weg eine Vorstellung von Musik, von Rhythmen, Tonarten, Melodien entwickeln. Wenn Kleinkinder sprechen, wissen sie ja auch nicht, daß sie Nomen oder Verben benutzen, eine Grammatik anwenden - und doch tun sie es."Erst wenn ein Handlungswissen vorhanden ist, kann ein Ordnungswissen wie die Grammatik sinnvoll angewandt werden", meint Gruhn, "kein Kind lernt schreiben, bevor es sprechen kann.Auch in der Musik hat das Schreiben Zeit, bis wir musikalisch ,sprechen` und denken können."Auf die Musikpädagogik übertragen, heißt das, Musik wird nicht gelernt, indem Noten oder Tona rten und Taktarten gepaukt werden, sondern durch Hören, Singen, rhythmisches Bewegen.Erst wenn man weiß, wie eine Tonleiter klingt, ist es sinnvoll, sie aufschreiben zu können."Nur wenige Menschen können Noten so lesen und verstehen, wie sie einen Te xt lesen", meint Gruhn. Der Musikpädagoge stützt sich bei seinem Projekt auf Kenntnisse aus der Hirnforschung.Zusammen mit der Musikhochschule in Hannover hat Gruhn an 42 Kindern und Erwachsenen untersucht, wie musikalische Reize in Aktivierungsmuster in der Hirnrinde verarbeitet werden. In einem Fall waren die Testpersonen Schüler im Alter von dreizehn und vierzehn Jahren.Drei Gruppen wurden gebildet: Die Kontrollgruppe L0 blieb ohne Unterricht, Lerngruppe L1 erhielt musiktheoretische Erklärungen, Lerngruppe L2 durfte hören, singen und musizieren. Im Versuch selbst wurden den und Schülern sechzig kurze Melodien vorgespielt, bei denen sie beurteilen sollten, ob diese "ausgewogen" und "abgeschlossen" klingen.Dabei sollten sie sich ganz auf die Wirkung verlassen, die sie beim Anhören empfanden. Der Kontrolltest zeigte völlig gleiche Leistungen bei allen drei Gruppen.Nach fünf Wochen Lernen in L1 und L2 zeigten sich Unterschiede: Die Nichtlerner blieben auf ihrem Niveau stehen, die Lerngruppen verbesserten sich deutlich.Sie unterschieden sich jedoch in den Hirnstrombildern: Bei L1 zeigten sich deutlich mehr Aktivierungen in der linken Hirnhälfte, während sich bei L2 ein über beide Hälften ausgebreitetes Aktivitätsmuster zeigte.Wilfried Gruhn und der Neurologe Eckart Altenmüller, d er die Messungen ausführte, erklären sich das Muster so: L2 hat ein viel dichteres Netz mentaler Repräsentationen aufgebaut, deshalb ist die gesamte Hirnrinde an der Verarbeitung des Gehörten beteiligt.Je dichter und umfassender das neuronale Netz , desto größer ist der Lerneffekt.Ob er auch dauerhafter verfügbar bleibt, sollen weitere Tests zeigen.Gruhn ist davon überzeugt.Und er leitet daraus eine Kritik am gängigen Musikunterricht ab."Musik muß zuerst als klangliches Gebilde erfahren und nicht als Schema vermittelt werden", fordert er.Sein Verständnis von Lernen zielt auf eine Kombination von "Wissen und Können" ab. Wer die Kleinen in der Musikhochschule erlebt, hat jedoch so seine Zweifel, daß sie dort mehr erleben und erfahren als einen lustigen Nachmittag.Die Eltern allerdings bestreiten das ganz energisch. "Sobald wir im Auto sitzen, fängt mein Sohn an, die Melodien zu singen", erzählt ein Vater.Andere Eltern machen ähnliche Beobachtungen. Auch die Mitarbeiter von Wilfried Gruhn, die die Kinder aufmerksam beobachten und Protokolle darüber anfertigen, stellen Fortschritte fest."Heute zum erstenmal den Rhythmus mitgeklascht", wird für ein Mädchen protokolliert.Ob sich tatsächlich ein Grundgefühl für Musik entwickelt hat, sollen standardisierte Tests zeigen. Niemand erwartet, daß aus den Kindern Musikgenies werden.Aber möglicherweise wird ihre Lernfähigkeit gefördert.Das behauptet jedenfalls ein Schweizer Forschungsteam, das einen Großversuch mit 1200 Schülern unternahm.Eine Testgruppe bekam wöchentlich fünf Stunden Musikunterricht, dafür weniger Stunden in Mathematik und ihrer Muttersprache.Die andere Gruppe hatte nur zwei Musikstunden in der Woche.Nach drei Jahren waren die Schüler der ersten Gruppe genauso gut in Mathematik wie die der zweiten Gr uppe, konnten sich aber besser ausdrücken, länger zuhören und waren ausgeglichener.