Es sei dies, wußte der ortsansässige Kollege, nur una battaglia finta, ein Scheingefecht, il combattimento usuale nella guerra dei nervi preambrosiana, das kleine Scharmützel also im gewöhnlichen Nervenkrieg vor dem Beginn der eigentlichen Saison (am 7. Dezember, dem Tag des Ambrosius, des heiliggesprochenen Bischofs von Mailand).

"Sciopero" - Streik: in Italien eine immer wieder spontan in verschiedenen Formen ausbrechende Epidemie - wenn etwa heute die Tankstellen dicht sind oder morgen die Post nicht kommt, diese Woche der öffentliche Verkehr ruht und in der nächsten der Müll nicht abtransportiert wird. Schon die Streikankündigung gilt als beliebtes und wohlfeiles Druckmittel - wohingegen die klug machende Erfahrung auch sagt: Nur ja nicht zu ernst nehmen! Eine solche drohende Blockade-Geste in der Oper? Die Künstler wollen keine Kunst machen? Na und? Was kümmert es uns, wenn in China ein Sack Reis umfällt!

In Italien freilich, erst recht in Mailand ist es von höchstem öffentlichen Interesse, wenn das Teatro alla Scala nicht spielen kann, weil wer auch immer aus welchen Gründen auch immer es nicht will. Und so beanspruchte dort am Dienstag vergangener Woche zwar die Modemesse sämtliche Hotelzimmer und füllte das Fernseh-Abendprogramm, doch war ebenso von der Möglichkeit, ja der "Gefahr" die Rede, daß die für den folgenden Mittwochabend vorgesehene Uraufführung von "Outis", der jüngsten Oper von Luciano Berio, wohl einem Streik zum Opfer fallen werde. Vier Stunden tagten die Gremien nach der Generalprobe, dann kam der Bescheid: "No!" Nicht nur eine battaglia finta also, sondern herzlich bitterer Ernst. Die indes so entschieden, waren nicht die beteiligten Künstler, sondern sindicati, vier Gewerkschaften, keine berufsspezifischen oder kunstbezogenen, sondern Allround-Vertreter, heute Tankstellen, morgen Post, Verkehr, Müll - und Oper. Wer versteht wessen Zorn?

Natürlich handelt es sich wieder einmal darum, höhere Gagen für die "Gruppen" durchzusetzen, die Orchestermusiker, Choristen und Tänzer - was ja in regelmäßigen Abständen vorkommt und zur Zeit selbst die subscription concerts des hochansehnlichen Philadelphia Orchestra verhindert. Aber die acht Milliarden Lire für die kommenden vier Jahre hatte die Stadt bereits zugesagt. Es geht im weiteren Sinne um einen contratto integrativo aziendale, einen allgemeinen Betriebs-Vertrag: Die Scala soll umstrukturiert werden, aber das staatliche Organ, genauer: das Schatzministerium will nicht ratifizieren, was schon im Dezember vergangenen Jahres paraphiert wurde.

Daß es dabei nicht etwa die Inaugurations-Gala mit Glucks "Armide" traf, nicht einmal ein Dirigat des Chef-Maestro Riccardo Muti, sondern das zentrale Ereignis eines zehntägigen "Festival Luciano Berio", welches die regionale Gesellschaft für Zeitgenössische Musik "Milano Musica" dem nicht nur aus Anciennitätsgründen wichtigsten lebenden Komponisten des Landes anläßlich seines siebzigsten Geburtstages ausrichtet - daß man sich also nicht nur den Ärger der happy few , sondern einige nationale wie internationale Beachtung der Aktion versprach, mag trösten, da es der Neuen Musik Bedeutung zurechnet und sie so ehrt. Aber der Vorfall zeigt auch, wie gereizt die nervi sind und wie leicht es ist, den empfindlichsten Punkt einer Kette zu finden: den Komponisten und seine Uraufführung.

Also kennen wir nur die Generalprobe. (Die eigentliche "Uraufführung" fand dann - battaglia finta"? - doch statt, drei Tage später als Nachmittagsvorstellung statt vor, was ja auch nicht das Schlechteste ist, minder zahlenden "Studenten und Arbeitern". Selbst der Probencharakter - ". . . werden nicht voll aussingen können" - freilich ließ ein blendend instruiertes und den Ansprüchen des Hauses gerecht werdendes Ensemble - Dirigent: David Robertson - erkennen.)

"Outis"? Der Titel ist trügerisch. Altphilologen mögen sich an die Antwort "Mein Name ist Niemand" erinnern, mit der Odysseus sich listig an dem geblendeten Polyphemos vorbeilavierte, der ihm bekanntlich seine Gefährten verspeiste. Aber dieser Niemand ist hier nicht Keiner, sondern eine unbestimmte Menge von Ähnlichen.