Ein lokales Ereignis der vergangenen Wochen verdient mehr Aufmerksamkeit als nur die Berichterstattung der örtlichen Presse: Im Schulzentrum des Hamburger Stadtteils Dulsberg soll - so war zu lesen - ein besonderer Schulhof nur für Mädchen entstehen. Eine "Mädchenarena" ist geplant, eine 3500 Quadratmeter große Anlage, baumgeschützt, mit Rasenstufen (daher der Name), einer Wiese, einem Beach- und Volleyballfeld - und das alles garantiert jungenfrei.

Nun hat es sich inzwischen ja nicht nur unter Pädagogen herumgesprochen, daß sich die Segnungen der Koedukation, also des gemeinsamen Schulunterrichts von Jungen und Mädchen, in Grenzen halten. Mädchen werden in gemischten Klassen, weil sie sich anders entwickeln, anders lernen und anders verhalten, oft benachteiligt, vor allem in den Naturwissenschaften. Aber ist es nicht doch einigermaßen weltfremd, ihnen nun auch außerhalb des Unterrichts Schutzräume zuzuweisen, Kuschelecken und Gartenlauben als Zuflucht vor der wilden feindlichen Jungenwelt? Kritiker des Hamburger Projekts beschworen Erinnerungen an vergangene Zeiten, als sich in den streng getrennten Geschlechterghettos der Schulen pubertäre Verklemmungen zwischen Jungen und Mädchen anheizten, die in den traditionellen Tanzstunden kaum abgekühlt werden konnten und von den Psychologen mitverantwortlich gemacht wurden als Ursache für tatsächliche oder vermeintliche Dauerstörungen im Verhältnis der Geschlechter.

Schon ein flüchtiger Blick auf einen großstädtischen Durchschnittsschulhof läßt allerdings den Verdacht aufkommen, daß dieses Terrain vielleicht auch nicht gerade der ideale Kontakthof ist für ein unverkrampftes und entspanntes Miteinander. Meist handelt es sich nämlich um eine (im Architektenjargon) "versiegelte Nutzfläche, die total eingewachsen und nicht mehr nutzbar ist", um eine Asphaltwüste, auf der vielleicht in einem Kübel eine Linde dahinstirbt und der kaugummiverklebte Eingang zum Fahrradkeller zur Raucherecke umfunktioniert ist. Beherrscht wird ein solches Areal normalerweise von den raumgreifenden Ballspielen der Jungen. Für die Mädchen bleiben da hauptsächlich die Ränder ein schmales Terrain für die durch keinerlei Emanzipationspädagogik auszurottenden Mädchenvergnügen wie Seilspringen und Gummitwist.

Ein flüchtiger Blick genügt, wie gesagt, um das Sozialgefüge eines normalen Pausenhofs zu erfassen. Mädchen verhalten sich auf öffentlichen Plätzen anders. Sie suchen ruhige, überschaubare Räume und meiden Freiflächen. Der Anteil der über Zwölfjährigen auf Spielplätzen, so ergab eine Untersuchung, beträgt nur neunzehn Prozent. Warum das freilich so ist, darüber gibt es hierzulande wenig aussagekräftige Studien. Die Aufmerksamkeit der Soziologie richtet sich vornehmlich auf das Verhalten von Jungen. In den Vereinigten Staaten ist die Wissenschaft zwar schon ein wenig weiter, doch bei uns gilt immer noch, was der Bielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer, der sich derzeit mit dem Thema "Desintegration und Gewalt" befaßt, lapidar konstatiert, nämlich daß es "bei Mädchen noch keine ausgeprägte Tradition von Gruppenorientierung im öffentlichen Raum gibt".

Vielleicht existiert diese Tradition nicht, weil es verhältnismäßig wenig öffentlichen Raum für Mädchen gibt. Sollen wir abwarten, bis die Soziologie diese Vermutung irgendwann einmal bestätigt?

Die Initiatoren des Projekts "Mädchenarena", die Hamburger Sportjugend, hat ganz unwissenschaftlich vorgegriffen und die Mädchen von Dulsberg selbst befragt. Und an Wünschen und eigenen Vorschlägen war denn auch kein Mangel. Ganz wichtig war ihnen dabei eine Öffnung der Mädchenarena zu einer Seite - zum Basketballplatz der Jungen.