Für die Komponistin Mayako Kubo ist das Schreiben von Musik eine Reise. "Auf der Fahrkarte steht der Name des Zielbahnhofs", schreibt sie zum Stück "Imakosowa - Brich auf!" (1995). "Kommt man dort an, hat man schon eine Fahrkarte in der Hand. Man denkt immer nur daran aufzubrechen."

In der Kunst wie im Leben: Mayako Kubo bricht auf. 1947 im japanischen Kobe geboren, begann die Musikerin in Osaka mit Klavier und kam 1972 nach Europa. In Wien studierte sie Komposition bei Roman Haubenstock-Ramati und in Hannover und Stuttgart bei Helmut Lachenmann, bei Carl Cahlhaus in Berlin Musik-Wissenschaft. Mit Hörspielen, elektronischer und improvisierter Musik, mit Ballett- und Theatermusik und als Konzertveranstalterin hat sie viel praktische Erfahrungen gesammelt. Ihr Kompositionsverzeichnis ist umfangreich.

Mayako Kubo, die Pianistin und Komponistin, ist in der europäischen Musk zuhause, doch die japanische Kultur ist in vielen ihrer Werke mehr als nur Erinnerung. Ihre Oper "Rashomon", die jetzt beim "steirischen herbst" in der Grazer Oper uraufgeführt wurde, basiert auf der Erzählung des japanischen Autors Ryunosuke Akutagawa "Im Dickicht". (Der Regisseur Akira Kurosawa wurde für seinen Film "Rashomon" bei den Filmfestspielen in Venedig 1951 ausgezeichnet.)

Frau Kubo schrieb sich ihr Libretto selber: In einer Gerichtsverhandlung soll der gewaltsame Tod eines Mannes geklärt werden. Die Vorgeschichte: Ein Räuber beobachtet eine schöne Frau und möchte sie besitzen.

Er lockt ihren Mann in einen Hinterhalt und fesselt ihn, führt die Frau herbei und vergwaltigt sie vor den Augen ihres Mannes.

Die Vorgeschichte ist unstrittig, doch was folgte, soll geklärt werden.

Dazu werden die verschiedenen Varianten "durchgespielt". Zunächst gibt der Räuber den Mord zu. Doch dann behauptet die Frau, sie habe ihren Mann getötet, weil sie seinen vorwurfsvollen Blikken nicht standhalten konnte. Ihr widerspricht die Stimme ihres toten Mannes aus dem Jenseits: Er habe sich selber umgebracht, als er merkte, daß sie sich in den Vergewaltiger verliebte und diesem folgte. Der Richter kann keine Lösung finden. Sein Urteil lautet: unschuldig. Die Menschen jedoch, die den Prozeß beobachtet hatten, sind unzufrieden. Sie fordern Klarheit, wo es keine Klarheit gibt.