In Berlin-Mitte gibt es zur Zeit zwei berühmte Baustellen. Die eine ist am Potsdamer Platz, ohne Ladenschlußzeiten, nachts arbeitet man im Scheinwerferlicht. Von seiner schieren Dimension und den Investitionen her ein Superlativ unserer Zeit, ist dieser Bauplatz mit seinem Wald von eleganten Kränen über Baugrubenabgründen, mit den Schuten auf dem Grundwassersee, den in der logistisch präzise verplanten Chaosgeographie hin und her eilenden Zementmischwagen mit ihren kreisenden Bauchbinden auch eine ästhetische Sensation.

Schade um jeden Krimi, der hier nicht gedreht wird.

Die andere Baustelle ist auf der Museumsinsel. Kein Krimi, sondern ein Trauerspiel. Denn an dem Ort, der, beginnend mit dem Bau von Schinkels Altem Museum, zwischen den Jahren 1830 und 1930 zum größten zusammenhängenden Museumskomplex der Welt wuchs, der durch den Krieg und die DDR-Nachkriegszeit dann zum größten Sanierungsfall der Kulturnation wurde, tut sich fast nichts. Nur die Alte Nationalgalerie wird instand gesetzt, aber es kann noch länger dauern. Beim Neuen Museum, dessen Wiederaufbau aus der Dreiviertelruine eigentlich gleich nach dem Fall der Mauer geplant war, und den anderen Häusern muß man sich mit der Sicherung der ruinösen Zustände begnügen.

Die Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz haben nicht annähernd das Geld, das sie zur Sanierung der Museumsinsel bräuchten, und die paar Millionen, die es gibt, werden in der Bonner Bürokratie so gründlich verwaltet, daß sie in Berlin nicht rechtzeitig ankommen, um ausgegeben werden zu können. Erst wenn Bonn nach Berlin zieht, würde sich wohl etwas ändern, meint der resigniert realistische Generaldirektor Wolf-Dieter Dube. Eine Feststellung, die ein kulturpolitisches Armutszeugnis beschreibt.

Aber frei nach dem Motto, das Dubes Vorkriegsvorgänger Wilhelm Waetzoldt einem Führer der Staatlichen Museen zu Berlin 1930 voranstellte, arbeitet man auch jetzt: "Der Staat muß durch geistige Kräfte ersetzen, was er an physischen verloren hat" (Friedrich Wilhelm III., 1807). Also nutzen die staatlich beamteten Kunsthistoriker mit ihrem Kopf die Gebäude, die draußen andere Staatsdiener wegbröckeln lassen, und bewirken durch diese positive Evidenz vielleicht mehr als durch die Rhetorik des Notstands.

Im vergangenen Winter erinnerte man mit Ausstellungen und einem Colloquium an Wilhelm von Bode, der, über fünfzig Jahre auf der Museumsinsel tätig, als erster General und genialischer Autokrat von bismarckschem Format während des Kaiserreichs das Fundament der später staatlichen preußischen Museen legte, kunsthistorisch und museumspolitisch. Zu Bodes Mitarbeitern gehörte seit 1884 Hugo von Tschudi, ein Schweizer Aristokrat, der, das war damals fast die Regel, zunächst Jura studiert hatte, seine Kunstkarriere als Assistent an der Berliner Gemäldegalerie begann und in dem Maße, in dem er von Bode lernte, mit diesem in Konkurrenz und schließlich in Konflikt geriet. Tschudis Ernennung zum Direktor der Nationalgalerie im Jahr 1896 löste das Problem und verschärfte es, denn nun umwarb auch er die Sammler, die Bode sich als Mäzene entdeckt hatte.

An Hugo von Tschudi, der vor hundert Jahren zum Direktor des Hauses ernannt wurde, erinnert die Nationalgalerie mit einer Ausstellung, die, zusammen mit dem hervorragenden Katalog, das Panorama einer Kulturmetropole entwirft, von deren (oft neureichem) Glanz noch die vielzitierten zwanziger Jahre profitierten, und sei es im Widerspruch. Dabei gehört zur Aura des Hugo von Tschudi nicht nur sein im Ausstellungsuntertitel genannter "Kampf um die Moderne", sondern auch sein siegreiches Scheitern. 1908 verließ er Berlin, nach endlosen Kontroversen mit dem Kaiser, dessen Zustimmung für die Erwerbungen der Nationalgalerie nötig war. In München, wo Tschudi ein Jahr später zum Direktor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen ernannt wurde, ging es ihm mit dem konservativen Prinzregenten nicht viel besser. Sein früher Tod, 1911, beendete die Kunstkriege.