SCHNEVERDINGEN. - Daß in manchen Schulen die Kinder nicht nur mit dem Taschenrechner hantieren, sondern aus Kostengründen auch Besen und Putzlappen in die Hand nehmen, ist nicht neu. Oder daß fleißige Eltern während der Ferien die Räume tapezieren und streichen und dabei neben der Freizeit auch so manche eigene Mark investieren.

Doch im niedersächsischen Schneverdingen geht es um ganz andere Kraftakte - bereits seit zwei Monaten dröhnt Maschinengeratter über den Schulhof der örtlichen Gesamtschule. Hier hoben Väter, Mütter und Lehrer die Fundamente aus, sie schleppen Steine herbei und werden bald auch die Dachpfannen aufdecken. Pensionierte Maurermeister greifen den Landwirten, Sparkassenangestellten und Pädagogen unter die Arme, und so mancher Handwerksbetrieb stellt schon mal für einen Tag einen Gesellen ab. Sogar der Schulleiter ist sich nicht zu fein und krempelt dann und wann selber die Ärmel hoch, um mit anzupacken.

Durch die geburtenstarken Jahrgänge platzt die Orientierungsstufe der Kooperativen Gesamtschule Schneverdingen (KGS) aus allen Nähten - sogar die Fachräume für Biologie und Werken mußten schon in Klassenzimmer umgewandelt werden. Die Mikroskope lagern seitdem unbenutzt im Schrank, und auch im Werkunterricht wird nicht mehr gewerkelt. Da der Zustrom an Fünftkläßlern auch in den nächsten Jahren nicht nachlassen wird, war bald klar: Die Schule muß mitwachsen, neue Räume müssen her.

Doch der Landkreis Soltau-Fallingbostel - in Finanznöten wie viele Landkreise - erteilte Eltern und Schulleitung eine Abfuhr. Obwohl seit gut zehn Jahren bekannt war, daß die Schülerzahlen rapide zunehmen werden, blieben die Kommunalpolitiker passiv. "Also mußten wir die Sache selber in die Hand nehmen", erklärt Karl-Ludwig von Danwitz. Der Schweinezüchter und Vater von drei Kindern ist Vorsitzender der gemeinnützigen Schulbauinitiative und fungiert als Bauherr. Dazu habe er sich von seiner Frau "breitschlagen lassen". Überhaupt seien es vor allem "die Frauen" gewesen, die sich zunächst engagierten. So haben die Mütter Spenden eingetrieben, Schulfeste und Tombolen organisiert. 75 000 Mark kamen insgesamt zusammen, die Materialkosten sind damit fast gedeckt. Über die noch fehlenden 25 000 Mark mußte der Verein einen Kredit aufnehmen.

Der Rohbau für die vier neuen Klassenzimmer ist bereits fertig, der Dachstuhl steht ebenfalls. In den kommenden Monaten geht es an die Innenarbeiten. Von den Elektroleitungen über die Heizungen bis zu Fenstern und Türen wartet noch jede Menge Arbeit auf die Hobbyheimwerker. Frühestens im Februar 1997 werden die Lehrer in dem neuen Anbau unterrichten können. Doch Karl-Ludwig von Danwitz versichert, daß die Arbeit allen Beteiligten Spaß macht.

Kopfschmerzen bereiten ihm hingegen mal wieder die Politiker.

Denen war eingefallen, daß die Selbsthilfeaktion ganz gut ins Kommunalwahlkampfkonzept paßte, und schrieben sich das Engagement der Bürger auf die eigenen Fahnen. "Schneverdinger sind aktiv für neue Klassenräume" plakatierte die örtliche CDU. Und die SPD wünschte der Schulbauinitiative in ihrem Wahlkonzept "Alles Gute". Die Eltern reagierten mit Leserbriefen an die Tagespresse - sie haben zwar inzwischen gelernt, mit den verschiedensten Werkzeugen umzugehen, doch liessen sie sich nur ungern selbst zum Instrument für den Stimmenfang im Wahlkampf machen. Der Protest zeigte Erfolg - die CDU-Plakate zierte ein anderer Spruch.