Wisl/awa Szymborska, ein Jahr älter als Zbigniew Herbert und früher als dieser mit ersten dichterischen Versuchen an die Öffentlichkeit getreten, etwas später allerdings als der zwei Jahre ältere Tadeusz Rózewicz, ist mit keinem ihrer in Polen berühmten Kollegen vergleichbar.

Auch ist keines ihrer Gedichte - weder formal noch inhaltlich - mit einem ihrer anderen Gedichte zu vergleichen. Jedes ist anders, neu, originell, mit eigener Trauer, eigenem Tiefsinn und eigener Weisheit, die das Althergebrachte in Frage stellt, das Unausgesprochene musikalisch und bildlich umschreibt. Sie ist ein Phänomen der Unwiederholbarkeit, weil sie keine Formeln, keine Schablonen und keine Raster kennt. Sie kartographiert die Augenblicke, koloriert sie lyrisch, um ja kein Pathos aufkommen zu lassen, panzert ihre Gefühle mit Ironie und kommt dabei mit erstaunlich einfachen Mitteln einer sehr kommunikativen Sprache aus. Reinhard Lauer, Ordinarius für Slawistik an der Universität Göttingen, resümierte in seiner Laudatio zum Herder-Preis für Wisl/awa Szymborska in Wien 1995: "Ihre Poesie ist spannend, man kann sich an ihr nicht satt lesen.

Und während man sie liest und im Lesen das Gemüt erfrischt und erhellt, wird die Erkenntnis überfällig, daß der esprit polonais weiblich ist."

Wie Szymborska ihre Bild-, Wort- und Satzpartikel organisiert, ist höchst kunstvoll. Sie muß nicht ihre Silben zählen, damit sie maßvoll klingen sie muß sich nicht unbedingt der Reime bedienen, um ihre Zeilen satzfigürlich oder akustisch aufzuputzen. Die Poesie ihrer Gedichte hat anmutiges Format ohne Korsett. Und dann der Reichtum ihrer Themen, das Füllhorn ihrer Phantasie: Expeditionen in den Himalaya, um den Yeti zu warnen, ob er sich wirklich in die Täler herablassen und der menschlichen Zivilisation ausliefern möchte. Kriegsberichte aus Vietnam und Korea. Fischfang im Fluß des Heraklit, philosophischer Fischfang. Frappierende Museumsbesuche, soziologische Befunde über die allerjüngste Gegenwart. Subtil ziselierte Novellen, Charakterstudien und Bildbetrachtungen. Wir finden in diesem schmalen lyrischen Werk Kleinanzeigen der alltäglichen Kümmernisse als Universalgeschichte Archäologisches, Kosmologisches, Biologisches - Logisches auf alle Fälle. Naturwissenschaftlich und seelenkundlich erhärtete, geradezu chemisch durchgeführte Untersuchungen so flüssiger, undurchsichtiger Begriffe wie "Liebe".

Rezensionen über nicht geschriebene Bücher. Biblische Lektüren mit einer neuen Sicht auf so festgefahrene Figuren wie Lots Frau und Hiob. Film, Theater, Musik nimmt sie ganz anders wahr, als wir sie mit Hilfe der Experten zu sehen und zu hören gewohnt sind.

Ihre Altertumsforschung und Gegenwartskunde, in einem Dutzend kurzer Sätze eingefangen, will unsere Skepsis schärfen, ohne uns die Freude am Leben zu nehmen. Neue, ungewohnte Perspektiven eröffnen uns ihre Natur- und Kunstbetrachtungen: hier eine "Mittelalterliche Miniatur", dort eine chinesische Tuschzeichnung - "Menschen auf der Brücke" - oder eine eigene Interpretation der barocken "Rubens Frauen":

Frauliche Faune, Walküren,