HERTEN. - Dafür, daß sie nicht mehr die Jüngsten sind, klettern sie recht behende auf dem Dach des St.-Elisabeth-Hospitals herum: der Ärztliche Direktor Rudolf Weber und der pensionierte VEBA-Vorstand Heinz Gentz von der Unabhängigen Bürgerinitiative Herten. Die Mühe nehmen die beiden Herren auf sich, um dem Besucher den Ausblick auf ein Stück Landschaft zu zeigen, das bald zugebaut sein soll - und auf die Kette von 8000 Menschen, die an diesem Tag der Deutschen Einheit schweigend gegen das Projekt demonstrieren.

Dort, wo jetzt noch ein Maisfeld ans St.-Elisabeth-Hospital grenzt, will der Landschaftsverband Westfalen-Lippe eine Klinik für neunzig psychisch kranke Straftäter bauen. Von den höheren Stockwerken aus könnten die Kranken über die sechs Meter hohe Mauer direkt ins Gelände der Strafklinik sehen - ein Anblick, der den Genesungsprozeß nicht eben fördern wird, meint der Ärztliche Direktor Weber und fürchtet, daß seine Patientenzahlen gravierend zurückgehen werden.

Herten will die Strafklinik nicht. Seit Freitag, dem 13. September, als die Stadt am nördlichen Rand des Ruhrgebiets über das Bauvorhaben informiert wurde, läuft die 68 000 Einwohner zählende Gemeinde Sturm dagegen. Tumultartige Zustände herrschten auf einer kurz darauf einberufenen öffentlichen Ratssitzung in einer Turnhalle.

Die Leserbriefspalten der Lokalpresse kennen nur noch das eine Thema. Zahlreiche Spruchbänder künden von der Angst, die in der Stadt herrscht vor einem Kindergarten nahe dem vorgesehenen Bauplatz hängt das Transparent: "Die Straftäter haben Ausgang - wir dann nicht mehr". Am Ortseingang ließ die Stadtverwaltung ein sechs Meter hohes Gerüst aufstellen mit der Aufschrift: "Herten wehrt sich".

Vergangene Woche übergab eine Abordnung Ministerpräsident Johannes Rau 71 000 Protestunterschriften - das sind mehr, als Herten Einwohner hat. Heinz Gentz von der Bürgerinitiative brachte von dem Treffen die Gewißheit mit, daß mittlerweile auch die Region zu Herten steht. Die Oberbürgermeister der Nachbarstädte Gelsenkirchen und Recklinghausen hätten gegenüber Rau daran keinen Zweifel gelassen.

Die Atmosphäre in der Stadt sei "emotional aufgeladen" und von Irrationalität geprägt, sagt der katholische Pfarrer Robert Schultes: "Aber Ängste sind immer irrational." Eine sachliche Diskussion sei derzeit nicht möglich. "Ich sage schon mal: Achtet auf euer Vokabular! Aber mehr ist nicht drin." Zuweilen gelingt nicht mal dies. Die Junge Union im Stadtteil Westerholt verbreitete ein Flugblatt: "Lieber geistesgestörter Schwerverbrecher, . . . in direkter Nähe Ihres Wohnheimes befinden sich Kinderspielplätze, Schwesternwohnheime und schattige Wanderwege, so daß Sie auch in Zukunft nach Herzenslust morden und vergewaltigen können . . ."

Daß die Stimmung in Herten sich derart aufheizen konnte, wirft Gesundheitsdezernent Wolfgang Pittrich vom Landschaftsverband den Stadtoberen vor. Sie hätten nicht mäßigend auf die Bevölkerung eingewirkt, sondern sie eher noch aufgestachelt. Auf einer Demonstration vor dem Sitz des Landschaftsverbands in Münster - die Geschäfte in Herten blieben an dem Tag geschlossen, die Schüler hatten schulfrei -, habe der Bürgermeister "Ängste geschürt, das war schon demagogisch", sagt Pittrich.