Uns geht's gut, wir haben keine Sorgen. Der Sommer war zu kühl, aber seht nur diesen goldenen Oktober! Die Luft ist still, als atmete man kaum. Und die deutschen Schriftsteller verlassen für einen Augenblick der Muße ihren Schreibtisch, treten vors Haus, atmen tief und blinzeln in die milde Sonne. Was für ein Tag!

Doch was erblickt jäh ihr müdes Auge? Die deutsche Rechtschreibreform!

Arme Schulkinder, mißhandelt vom "orthographischen Terrorismus"!

Vertreibung aus der Heimat der Sprache! Eisiges Grauen packt die Schriftsteller. Ein Weilheimer Lehrer eilt mit einem Protestpflaster herbei. Und weil die Frankfurter Buchmesse den Fieberpunkt der alljährlichen intellektuellen Empörungskurve markiert, findet er rasch die Unterschrift von Menschen, die Günter Grass einmal "Unterschriftsteller" genannt hat.

Jetzt ist er selber dabei, zusammen mit Kollegen wie Martin Walser, Walter Kempowski oder Siegfried Lenz. Früher hat Grass an der deutschen Einigung, noch früher Walser am Vietnamkrieg gelitten.

Heute, und das zwei Jahre zu spät, leiden sie an der Rechtschreibreform.

Halt! rufen sie entsetzt. Man kann das gar nicht früh genug rufen, denn die nächste kommt bestimmt.