So fangen Romane an, wie es sie eigentlich gar nicht mehr geben dürfte und wie man sie trotzdem gerne liest: In einem Land fernab der großen Herrschaftszentren, hinter den hohen Bergen, wo es die Phantasie auf Wolken, aber keinen Steuerbeamten und Staatsbüttel zu Fuß hintreibt. In einer Stadt im hintersten Winkel des wilden Balkans sitzen ein paar alte Spieler zusammen, trinken Schnaps, schlürfen eingelegte Früchte und jagen ihre Würfel in der Hoffnung auf den ultimativen Pasch übers abgenutzte Backgammonbrett. Einer, der Meister des Spiels, der "Dompteur des Zufalls", der "Magier" genannt, läßt mit locker vorschnellendem Handgelenk die Glückskuben fliegen, und schon liegt ein Knäblein in den Laken, die Mutter schreit, die Hebamme staunt, ein hübscher Junge, ja, aber ohne Nabelschnur dort, wo die anderen später einen Nabel haben, hat der kleine Alexandar etwas, das aussieht wie "ein drittes Ohr".

Klar, daß dies unser Held ist, zu sein hätte in jenem Roman, den es eigentlich gar nicht mehr geben dürfte. Alles ist da: die weisen Männer mit der morgenländischen Lebensart als olympischer Hintergrund für die künftigen menschlichen Verwicklungen der magische Spieler als Ideal des Erzählers der Held, kurios gezeugt oder geboren wie nur irgendein großer Kleiner von Grass' Oskar bis zu Patrick Süskinds Grenouille ausgezeichnet mit einem vielsagenden Stigma und einem erhebenden Namen. Und wie erzählt wird: Zunächst richtet sich der Blick märchenhaft von außen auf die Weltläufte dann spicht der Magier, stellt sich höflich vor: "Baj Dan! Dan von Jor-dan, und Bai zur Auszeichnung eines Mannes, dem eine gewisse Beziehung zu den Würfeln nachgesagt wird" und bald schon mischt sich die Stimme jenes Alexandar darunter, der Jahre später in irgendeiner fernen Großstadt hockt und offenbar vereinsamt aus dem Fenster schaut. Dann kommt in kurzweiligen Schüben die ganze Vorgeschichte aufs Tapet: wie ein Römer im Schlaf den kleinen Ort der Spieler gegründet, wie die göttliche und menschliche Herrschaft im Laufe der Jahrhunderte gewechselt hat wie Eroberungen, Brände, Kriege und Seuchen hereinbrachen wie sich alles änderte und trotzdem gleichblieb, wie also das Schicksal die Geschichte macht und nicht umgekehrt und wie die Grigoriis und Slatkas und Tatjanas, die ganze Sippschaft jener Luxows sich eingefunden hat in diesem Rausch des Vergänglichen, hinter dem, wenn einer, dann ein Spieler steht: sei es der große Eine oder Bai Dan oder eben der Erzähler.

Das alles geht noch wohltuend durch- und ineinander, und schon sind wir mittendrin in der buntesten, stimmenreichen und märchenhaften Familiensaga. Eine Weltgeschichte also, die in irgendeiner historischen Tiefe entsteht, den Staatssozialismus nicht unbeschädigt passiert und in einer sehr genauen Zeit endet, wo der Erzähler Vergleiche zu Edward Hoppers Bildern oder John Belushis Filmfiguren anbringt, ohne daß der Leser über einen Anachronismus stutzt.

Solch leichthändig inszenierter Zeitenwirbel mit Familienbezug ist nicht eben neu, aber so gut gemacht, daß der Leser, wie Alexandars Oma, Lust auf Süßes, Appetit auf Stoff, Figuren und auf Schicksal bekommt. Und tatsächlich läuft die ganze farbige Chose immer spitzer auf drei Figuren, die siebziger Jahre und die Grenze zwischen den politischen Systemen zu. Die drei Figuren sind Vater Vasko, Mutter Jana und der kleine Alexandar Luxow - sie wollen über die Grenzen fliehen ins "gelobte Land", weil es der Vater nicht mehr aushält in der häßlichen Verlogenheit der Politik, die noch den Ärmsten in seiner Abgeschiedenheit erwischt.

Ilija Trojanow nennt den Namen des Landes nicht, in dem Sultane, Zaren und Generalsekretäre wüteten, doch es ist erkennbar das Land seiner eigenen Herkunft, Bulgarien, und wir haben uns dort gleichermaßen gewitzte, teilnahmsvolle Menschen wie unmenschliche Verhältnisse vorzustellen. Mit der Flucht endet das erste Drittel des Romans: "Aus der heimlichen Hauptstadt der Spieler". Sie führt über Jugoslawien nach Italien und ist so geheim, daß nicht einmal Oma und Bai Dan, der Patenonkel Alexandars, etwas davon ahnen.

Sie ist der definitive Höhepunkt des Romans. Hier kommen Märchen, Burleske und Zeitgeschichte zusammen in einer Szene, in der der jugoslawische Grenzwächter die heilige Familie beim illegalen Grenzübertritt entdeckt und einfach weiterpatrouilliert, eine himmlische Puste Hab und Gut der Ärmsten in alle Himmelsrichtungen verstreut und Vater Vasko schließlich den kleinen Alexandar über eine Mauer stößt, auf deren Rückseite ein friaulischer Bauer mit seinem Heuwagen dahintuckert und den Findling unwissend davonträgt ins nahgelegene Städtchen.

Ein Höhepunkt ist diese Flucht in jedem Sinne, woraus leider folgt, daß der Roman im letzten Teil an Spannung verliert. Trojanow läßt hier jene erzählerische Grandezza oder auch dieses Gran Großspurigkeit vermissen, das ihm erlaubt hat, historisch und mythisch weit auszugreifen, zu fabulieren, zu überhöhen, satirisch zu überzeichnen, so daß man gelegentlich an Salman Rushdie oder auch mal an Bora Cosics "Die Rolle meiner Familie bei der Weltrevolution" erinnert wurde.