Wenn Gesten allein schon reichten, brauchte niemand sich um den Friedensprozeß im Nahen Osten zu sorgen. Richtig herzlich schien der Händedruck zwischen Israels Premier Netanjahu und Palästinenserchef Arafat vergangene Woche in Washington. Welch Unterschied zu der ersten, kalten Begegnung der beiden vor einem Monat. Und wenn Israels Präsident Weizman Arafat am Dienstag in seinem Haus willkommen hieß, könnte das einer Welt, die nur allzu gern wieder Hoffnung faßt, signalisieren: Auf dem Weg zum Frieden gibt es kein Zurück.

In Wahrheit aber bezeugen diese Demonstrationen menschlicher Nähe nur, wie unüberbrückbar die politische Kluft zwischen der israelischen Führung und den Palästinensern geworden ist. Daran ändern auch die neuen Verhandlungen nichts, die beide Seiten gerade begonnen haben. Vielleicht erreichen sie hier und da begrenzte Übereinkünfte, die sogar zum längst vereinbarten Abzug israelischer Truppen aus der Palästinenserstadt Hebron führen. Aber es wären isolierte Ereignisse. Der Friedensprozeß, der ihnen Dynamik hätte verleihen können, ist am Ende.

Dieser Friedensprozeß konnte nur vorankommen, solange Israel zu der Konsequenz bereit war, Gaza und die West Bank in palästinensische Eigenständigkeit zu entlassen. Einen Monat bevor er im vergangenen November ermordet wurde, hatte Netanjahus Vorgänger Jitzhak Rabin in der Knesset diese Grundbedingung bündig formuliert: "Wir mußten wählen: Wollten wir ein Groß-Israel mit 4,5 Millionen Juden und mehr als 3 Millionen Palästinensern - oder einen kleineren Staat, der eben ein jüdischer Staat wäre? Wir wählten den jüdischen Staat."

Nur in der Perspektive dieses für 1999 anvisierten Zieles gaben die verschiedenen Zwischenstufen einen Sinn: Nur so konnten die wenigen Autonomie-Enklaven auf der West Bank, obgleich immer noch von israelischen Truppen umstellt und ohne gesicherte Verbindung untereinander, als erste Bausteine palästinensischer Selbständigkeit erscheinen. Sie sollten das Vertrauen schaffen, aufgrund dessen am Ende die schwierigsten Probleme würden gelöst werden können: der rechtliche Rang der palästinensischen Autonomie und der Status der Stadt Jerusalem.

Benjamin Netanjahu aber und seine Likud-Partei teilten die Grundüberzeugung Rabins nicht, und das Vertrauen der Israelis in den Friedensprozeß wuchs nicht, sondern schwankte. Netanjahu hat 1995 begründet, warum er den Weg Rabins für verhängnisvoll hält: Er führe "zur Umzingelung Israels durch einen Gürtel islamischer Terroristenbasen, deren einziges und besonderes Ziel darin liegt, den Staat Israel auszulöschen". Tiefsitzende Ängste, wiedererweckt durch palästinensische Bombenattentate kurz vor der Wahl im Mai, machten dann den Likud zur größten Regierungspartei und Benjamin Netanjahu zum Premierminister des Landes.

Die Folgen sind bedrückend. Zwar ist derzeit nicht mit einem neuen Nahostkrieg zu rechnen Israels militärische Dominanz schreckt noch immer jeden Angreifer ab. Aber auf der West Bank und in Gaza könnten Hoffnungslosigkeit, Arbeitslosigkeit und Überbevölkerung zum Katalysator für neue Terroranschläge und neue Unruhen werden.

Die gesamte Region tendiert wieder mehr zur Polarisierung als zum Ausgleich. Antiwestliche Kräfte bekommen Auftrieb - im Nahen Osten, am Golf, auch in der ohnehin unter ihrem islamistischen Regierungschef schon schlingernden Türkei. Die Selbstisolierung Jerusalems beschädigt allenthalben Ansehen und Einfluß Amerikas, das nach wie vor zu Recht als Israels Schutzmacht gilt.