Der Streit ist nicht zu schlichten. Streitet doch jede Partei nicht nur um die Wahrheit im Leben des 81 Jahre alten Dichters aus Ost-Berlin, sondern auch um die Wahrheit der eigenen Biographie, der eigenen Stilisierungen, der eigenen Begriffe.

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Wer wie Stefan Heym die Dignität der DDR-Literatur von der Makellosigkeit ihrer Heroen abhängig macht, kann nicht allzuviel von ihr halten. Wer umgekehrt so wenig von einem der bedeutendsten Protagonisten dieser Literatur erwartet, daß ihn selbst dessen erfundene KZ-Aufenthalte und Aufschneidereien nicht mehr erschüttern, der setzt sich über die zerrissenen Lebensläufe der Großvätergeneration einfach hinweg.

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Stephan Hermlin hat sein Leben, nicht nur unter dem Vorbehalt des Fiktiven, nicht nur in seinem Bericht "Abendlicht", schöngeschrieben und vor allem: unwidersprochen schönschreiben lassen (...) Es gibt keine Menschenpflicht zur Wahrheit. Aber es gibt ein Menschenrecht, den Süßholzrasplern zu mißtrauen.

Iris Radisch