Wenn das neue Deutschland erwacht, fallen einem alten Kolumnisten wie mir die Augen zu. Wenn das neue Deutschland über sich selbst spricht, gähne ich vom Kinn bis zur Stirn. Und wenn das neue Deutschland meint, es sei, als das größte Deutschland, das es seit dem Krieg in Europa gegeben hat, auch sonst eine absolute Riesensache, dann wische ich mit der Hand durch die Luft wie nach einer lästigen Fliege, die mich nicht schlafen läßt.

Ja, ich schlafe. Ich schlafe jetzt schon seit sieben Jahren, aber nicht etwa, weil ich müde bin oder weil ich zuviel Art Buchwald oder William Safire studiert hätte - sondern, weil ich mich so unendlich langweile. Man kann sich meine Langeweile gar nicht vorstellen! Andere hätte sie schon längst getötet, aber wir alten Kolumnisten halten einiges aus. "Kommissar Rex" etwa. Oder die Forderung der musikalischen Volkspädagogen-Fraktion um Heinz Rudolf Kunze, deutschen Pop zur Not mit einer Zwangsquote dem deutschen Volk zuzuführen. Oder die Deutschländer-Würstchen.

Was, denken Sie gerade, hat das alles miteinander zu tun? Was nicht: Früher nämlich, als Deutschland noch nicht wieder ein Staat war, sondern bloß ein von allen vergessener historischer Begriff, wäre niemals so ein Köter von Blockwart Fernsehstar geworden, hätte nicht so ein Softie von Musikprimat eine derart teutönelnde Idee gehabt, hätten es nie diese Würste von Würstchen, die nur einem wirklich sehr analfixierten Menschen Appetit machen können, in unsere Läden geschafft.

Oh Gott, ist mir wieder langweilig! Hoffentlich schlafe ich vor dem Ende der Kolumne nicht ein! Ich wollte Ihnen doch noch so viel sagen: Zum Beispiel, daß mich an dem neuen, großen Deutschland nicht etwa anödet, daß es groß und neu ist, sondern, daß darin soviel von Deutschland phantasiert wird. Und daß das aber auch noch ganz interessant wäre, wäre es nur interessant. Genau das ist es aber nicht, weil jeder, der heute bei uns über Deutschland redet, nie das Deutschland von heute meint, sondern immer nur eins, von dem er glaubt, daß es einmal so gewesen ist. Die Ostdeutschen halluzinieren sich ein Goldenes DDR-Zeitalter herbei, in dem angeblich noch die Politik die Wirtschaft regierte und die Mieten so niedrig waren wie die Wohnqualität. Die Westdeutschen sehnen sich nach einer Republik zurück, in der die Demokratie doch nur deshalb einigermaßen hielt, weil die alten Nazis zuviel Angst vor den Amerikanern hatten und die jungen 68er zuviel Respekt vor ihren alten Nazieltern. Die deutschen Deutschen wiederum, egal ob sie im Pfahl Carl Schmitt herunterbeten oder im Spiegel Herausgeber-Kolumnen herausschnarchen, dämmern einem Reich entgegen, das allein deshalb nicht das vierte sein kann, weil es als zweites und drittes ja auch nicht gehalten hat, was es versprach. Und die linken Deutschen wollen Deutschland einen Phantasie-Kommunismus verkaufen, der ähnlich modern und zeitgemäß ist wie diese riesige Klavierlehrerinnen-Pluderbluse, die Sahra Wagenknecht wirklich in jeder Talk-Show trägt.

Verstehen Sie jetzt, warum mir so unendlich fad ist? Wenn jeder von etwas träumt, das niemals so war oder nie funktioniert hat, wenn jeder in der Vergangenheit denkt und im Imperfekt spricht - wenn es sich also alle politisch und intellektuell in einer fernen, verschwommenen Dämmerzeit bequem gemacht haben, um von der eigenen Gegenwart und fremden Argumenten nicht belästigt zu werden, dann ist das das Ende aller Diskussionen, aller Kämpfe, aller wahrheitsspendenden Haßorgien. Und es ist zugleich der Anfang eines neuen Biedermeier, einer unglaublich verschlafenen, lähmenden, tumben Epoche, in der Geld geiler macht als Sex und Sparhaushalte trauriger als der Holocaust, in der alle Politiker in einer verräterischen Selbstprojektion als fiesemiese Bereicherer gelten und Wahlzettel von vornherein als Altpapier, in der jeder Schlußverkauf so zelebriert wird wie ein Erntedankfest, in der Zeitungen ohne Serviceteil inzwischen genauso tot, trostlos und Tapete sind wie die mit, in der Philosophen nur noch Unternehmen beraten und sonst aber niemand einen herausfordernden, verrückten, unheimliche Gedanken lesen und hören will - außer vielleicht, er handelt davon, wie neu und groß dieses neue und große Biedermeierdeutschland doch ist.

Schlaf ruhig weiter, Deutschland! Wir Kolumnisten stehen jetzt auf. Und wenn wir dann fertig sind mit dir eines Tages, erkennt dich garantiert keiner wieder. Das ist nämlich immer so nach einer Revolution.