Ein Gespenst geht um in Amerika. Von einer neuen politischen Macht ist die Rede, von einer neuen Klasse gar. Gemeint sind die knowledge workers, jene Wissensarbeiter der Datennetze, die jahrein, jahraus Informationen sammeln und verarbeiten. Sie seien "ziemlich schlau, moderat, tolerant und an Problemlösungen interessiert", erzählte neulich ein gewisser Dudley Boffa der Frankfurter Rundschau. Diese Berufsgruppe habe das Zeug, die Gesellschaft zu verändern. Boffa, ein ehemaliger Regierungsberater, hat diesem Traum zuliebe nicht nur ein Institute for a New California gegründet. Er will nun auch die knowledge workers in einer eigenen Partei um sich scharen. Das wird nicht einfach sein: Die Angehörigen der "Dilbert-Kultur", wie Boffa sie nennt, machten bisher kaum Anstalten, sich als Klasse zu begreifen. Der Datendurchsatz im Netz beschäftigt sie weit mehr als die Belange des Klassenkampfes.

Dennoch umweht sie ein Ruch von Rebellion. Nehmen wir nur die Firma Secure Computing, die Abschirmungssoftware für Netzrechner vertreibt. Ihre Programme sollen verhüten, daß knowledge workers sich für Daten interessieren, die sie nichts angehen. Die Anzeigen der Firma zeigen denn auch einen finster dreinblickenden Mann in verrutschten Bildern, und daneben steht geschrieben: "He's 32. Dresses like Kramer. Thinks like Marx. Writes a syndicated column. And he's about to download your new product plans." Ein kryptokommunistischer Netzsurfer, der Kolumnen schreibt nicht schlecht.

Nun will aber die Firma ihren antimarxistischen Schutzwall auch auf dem hiesigen Markt verkaufen. Die deutschen Anzeigen bilden den nämlichen Finsterling ab. Aber was lesen wir? "Er is 32. Hat einen tollen Universitätsabschluß. Lebt von Cola und Fast Food. Arbeitet für ihre Konkurrenz. Und is gerade dabei Ihr topsecret Projekt zu entschlüsseln."

Es is voll zum Heulen, echt. Die ganze Misere der deutschen EDV-Branche offenbart sich in dieser kleinen Anzeige. Der Mann hat einen tollen Abschluß, aber es reicht nur für Cola und Fast food. Denken wie Marx? Aber im Leben nich! Von der eigenen Kolumne ganz zu schweigen. Und während der amerikanische knowledge worker sich einfach die neuen Produktionspläne von wer weiß wem besorgt, muß sein deutsches Pendant ein "topsecret Projekt" überhaupt erst einmal entschlüsseln.

Einem solchen Tropf wäre zuzutrauen, daß er, um an Hochgeheimes heranzukommen, einfach eine der Suchmaschinen im Internet nach dem Stichwort "topsecret" hat fahnden lassen. Dann hätte er sich allerdings erst durch die Unmengen von Pornobildchen schlagen müssen, die in der Netzwelt unter "topsecret" feilgeboten werden.

Vielleicht wär's ihm auch ganz recht gewesen, denn selbst die moderat toleranten knowledge workers sind Gefangene ihres Triebschicksals wie wir alle. Was das bedeutet, kann man sich im Internet demonstrieren lassen. Man muß sich nur einmal bei der Suchmaschine Magellan als Voyeur einwählen (unter der Adresse http://voyeur.mckinley.com/voyeur.cgi). Hier bekommt man live die Anfragen zu sehen, so wie sie gerade anbranden. Ein denkwürdiges Erlebnis. Ununterbrochen werden überall auf diesem Planeten Geschlechtsteile in allen Kombinationen und Stellungen gesucht. So sind sie, die Bewohner der Datennetze, jedenfalls wenn Sie sich unbeobachtet wähnen. Wie heißt es in der Anzeige von Secure Computing: "Bedenken Sie, die ganze Welt schaut zu."