Es mag sein, verehrter Leser, daß Sie jetzt (am Anfang eines Herbstes, am Ende eines Feuilletons) eine kleine Aufmunterung, eine Art Glücksschub brauchen. Woher nehmen?

Von Marcel Reich-Ranicki naturgemäß, einem Mann, in dessen Leben und Schaffen es den Herbst nicht gibt. Weil dort immer (und für immer) dampfender Sommer ist. "Es ist ein Glück", hat Reich-Ranicki zum Beispiel gesagt, "es ist ein Glück, daß es die wunderbar sinnliche Dichterin Margriet de Moor gibt." Sinn und Sinnlichkeit, so belehrt uns raschelnde Herbstmenschen der immergrüne Kollege, sind der einzige Sinn des Lebens wie auch der Literatur. Alles andere ist Unsinn.

Gar keine Frage, dies nebenbei, daß Marcel Reich-Ranicki noch immer (und für immer) der zuverlässigste Sinnlichkeits-Seismograph der deutschen Literaturkritik ist - da mögen die gewiß kundigen Herren des Spiegel der Literatur noch so eifrig unters Röckchen und aufs Schwänzchen schauen.

Der Dichter Gerhard Zwerenz wiederum, aber lassen wir das lieber . . .

Sinnlichkeit, so möchten wir den Gedanken nun fortführen, gibt es nicht nur bei den wunderbar sinnlichen Dichtern und ihren wunderbar sinnlichen Büchern und Bücherinnen. Sinnlichkeit ist überall, man muß sie bloß erwittern! Dein Hausmeister, dein Chefredakteur: sinnliche Menschen, wenn man sie nur mit dem rechten Blick, mit den berühmten "Augen der Liebe" (Lessing, Gotthold & Ephraim) betrachtet. Auch das muntere Kreisen der Waschmaschine und das lüsterne Schnurren der Minibar sind genuin sinnliche Ereignisse der diskretesten Art!

Der Verfasser, nun doch allmählich erregt, muß abbrechen. Ein Täßchen Tee aus der Teeküche dieses Feuilletons wird seinen Aufruhr dämmen! Er gießt, er freut sich, er leckt sich sinnlich die Lippe - und er schaudert: Was da in seiner Teetasse schwimmt, ist nichts als weißes, heißes Wasser! Grauenhaft! Ein Nichts, ein Es!