Die Entwickler von Computerchips schauen derzeit Hummern tief in die Augen. Die Sehorgane der Krustentiere sind nicht nur Vorbild für eine neue Technik zur Belichtung von Chips mit größerer Rechenleistung, sondern hat auch die Astronomen zu einer neuen Teleskop-Bauweise inspiriert. Ein Fall von Bionik - Technik folgt der Natur.

Begonnen hat alles vor zwanzig Jahren mit Grundlagenforschung. Mike Land von der Universität Sussex und Klaus Vogt, inzwischen an der Universität Freiburg, untersuchten unabhängig voneinander das Auge des Hummers. Es setzt sich aus Tausenden dichtgepackter Segmente zusammen, ähnlich wie das Facettenauge einer Fliege. Doch haben die Hummer-Facetten keine Linsen, die das einfallende Licht bündeln. Sie bestehen aus kleinen viereckigen Röhren mit glatten Wänden, die wie Spiegel wirken und die Lichtstrahlen auf die Netzhaut reflektieren.

1978 beschrieb Land seine Forschungsergebnisse im Wissenschaftsmagazin Scientific American. Roger Angel, der Teleskope in Arizona entwarf, las diesen Artikel - rein zufällig. Sofort kam ihm die Idee, nach dem gleichen Prinzip Röntgenstrahlen aus dem Weltraum einzufangen. Die kurzwelligen Röntgenstrahlen lassen sich nicht wie Licht mit Linsen bündeln. Herkömmliche Röntgenteleskope gleichen daher Kameras, die durch ein Schlüsselloch blicken: Sie können immer nur einen winzigen Ausschnitt des Himmels abtasten. Ein überdimensionales Hummerauge könnte, so die Idee, den Blickwinkel der Astronomen, die mit Röntgenfernrohren Doppelsternsysteme und Quasare aufstöbern, enorm vergrößern. Doch hierfür würde eine Unzahl winziger viereckiger Glasröhrchen benötigt.

1978 konnte noch niemand so etwas herstellen. Inzwischen ist die Glastechnik aber soweit, und ein internationales Team bastelt am ersten Röntgenfernrohr nach Hummerart. Seine Millionen Röhrchen aus Bleiglas, die bis zu einem Zentimeter lang sind, decken zusammen nicht einmal die Fläche eines Bierfilzes ab. Das gut neun Millionen Mark teure Instrument soll auf einem der sogenannten Small-Explorer-Satelliten der Nasa im Jahr 2001 ins All geschossen werden.

"Mit dem ,Hummerauge' werden wir ein Viertel des Himmels zur gleichen Zeit beobachten können", sagt der Astronom Adam Brunton von der Universität Leicester, der das neuartige Teleskop zusammen mit Kollegen aus Australien und den USA baut. "Wir können damit künftig Aufnahmen, die jetzt Jahre dauern, in wenigen Wochen machen."

Die Hummeroptik beginnt unterdessen, auch die Produktion von Chips zu verändern. Die klassische Herstellungstechnik, mit sichtbarem Licht eine Abbildung des Chips durch eine Art Schablone auf Halbleiter zu projizieren und danach die Chipstrukturen herauszuätzen, stößt an ihre Grenzen: Wenn die Strukturen kleiner als zwei tausendstel Millimeter sind, dann werden die Lichtstrahlen um die Kanten der Schablone gebeugt und verwischen die Abbildung. Mit gespiegelten Röntgenstrahlen ließen sich die Halbleiter hingegen viel präziser ätzen und dementsprechend dichter mit elektronischen Bauteilen bepflastern. Denn die kurzwellige Röntgenstrahlung beugt sich nur wenig und könnte daher hundertmal kleinere Strukturen belichten.