Wer immer dereinst die Biographie Helmut Kohls schreiben wird, dürfte es schwer haben. Der Kanzler der Superlative, der in diesen Tagen so lange im Amt sein wird wie sein erklärtes Vorbild Konrad Adenauer und der sich mit großen Schritten der Rekordmarke des Reichskanzlers Otto von Bismarck nähert, ist kein Mann der schriftlichen Dokumentation. Das unterscheidet ihn von seinen beiden Vorgängern. Denn Helmut Schmidt, vor allem aber Willy Brandt haben sich immer wieder mit der Feder zu Wort gemeldet, unter anderem in zahlreichen Büchern, darunter auch einigen Bänden mit Erinnerungen. Helmut Kohl hingegen, selbst promovierter Historiker, zerreißt nicht nur während der Bundestagsdebatten vor den Augen der Öffentlichkeit geradezu demonstrativ jene Zettelchen, die er für sich oder andere für ihn angefertigt haben, er hat auch mehrfach erklärt, keine Memoiren veröffentlichen zu wollen.

Das ist bedauerlich, denn zweifellos gehört Helmut Kohl längst zu den Staatsmännern, die schon in ihrer Zeit eine fast uneingeschränkte internationale Reputation besitzen. Außerdem kann er für sich beanspruchen, 1989/90 mit seinen Initiativen die Einigung Deutschlands maßgeblich ins Werk gesetzt zu haben. Und bevor das verlorengeht oder andere, wie zuletzt Hans-Dietrich Genscher in seinen "Erinnerungen", diese Leistung für sich reklamieren, meldet sich der geschichtsbewußte Pfälzer in Abständen und auf seine Weise zu Wort. Jetzt hat er in einer Reihe vielstündiger Gespräche mit Kai Diekmann und Ralf Georg Reuth "Auskunft darüber gegeben, wie er den Weg zur Einheit mitgestaltete, welche Hindernisse es dabei zu überwinden galt und welche Gedanken und Gefühle ihn in den entscheidenden Augenblicken bewegten". Das Ergebnis ist ein im Reportagestil verfaßter, mit langen wörtlichen Interviewpassagen gesättigter Bericht.

Neue Erkenntnisse oder gar sensationelle Enthüllungen darf der Leser von diesem Buch nicht erwarten, wohl aber Helmut Kohls rückblickende Gewichtung der Dinge. Immerhin veröffentlicht der Kanzler damit als einer der letzten Hauptakteure seine Sicht der dramatischen Ereignisse in den achtziger und beginnenden neunziger Jahren.

Einen besonderen Stellenwert nimmt dabei übrigens die Umsetzung des Nato-Doppelbeschlusses im Dezember 1983 ein. Helmut Kohl hat verschiedentlich betont, daß diese Entscheidung eine der schwersten seines politischen Lebens gewesen sei. Auch jetzt kommt er immer wieder darauf zurück, läßt aber zugleich keinen Zweifel an seiner Überzeugung, daß ein direkter Weg von der Umsetzung des Beschlusses über die zunehmende Schwächung der Sowjetunion und Gorbatschows Perestrojka hin zur deutschen Einheit geführt habe.

Doch das Buch läßt nicht nur des Kanzlers Verständnis der jüngeren Geschichte und seiner Rolle darin erkennen, sondern auch einiges von dem Erfolgskonzept des politischen Phänomens Helmut Kohl. Die Interviews zeigen nämlich, worauf es ihm vor allem ankommt: auf den direkten Kontakt, die Unterredung, das Telephonat oder gelegentlich auch mal eine "Frotzelei" unter Partnern. Kein Zufall, daß Helmut Kohl die Idee hatte, Gipfelteilnehmer sollten "häufiger gemeinsam Bus fahren". "Was im privaten Umgang miteinander richtig ist, ist auch in der Politik richtig." Gefordert sind vor allem auf Vertrauen und Freundschaft gründende Beziehungen, von denen Helmut Kohl viele hat und von denen er gerne erzählt, das Gespür für den richtigen Augenblick und die passende Inszenierung.

Geradezu beiläufig erläutert der Kanzler dann seinem Leser, wie man so zum Erfolg kommt: Als er am 28. November 1989 in der Haushaltsdebatte des Deutschen Bundestages sein "Zehn-Punkte-Programm" verlas, damit die Initiative an sich riß und die Marschrichtung zum 3. Oktober 1990 vorgab, war alle Welt überrascht - mit Ausnahme derer, die dem Papier seine endgültige Form gegeben hatten. Abgesehen von Rupert Scholz, dessen Rat telephonisch vom "heimischen Schreibtisch" aus eingeholt wurde, waren bei der Endredaktion des im Kanzleramt vorbereiteten Textes neben Kohl drei Personen mit von der Partie: zwei Geistliche, die das unbedingte Vertrauen des Kanzlers besaßen, und Helmut Kohls Frau Hannelore, die dem Kanzler "nicht nur manche wertvolle Anregung" gab, sondern "die von ihm verfaßten Textstellen auch auf ihrer Reiseschreibmaschine" abschrieb: Wer wissen will, wie Weltpolitik gemacht wird, der muß dieses Buch lesen.