Die Verteilungskämpfe in Deutschland werden härter. Der Konflikt um die Lohnfortzahlung hat es drastisch verdeutlicht. Angesichts verschärfter weltweiter Konkurrenz, stagnierender Einkommen und hoher Arbeitslosigkeit kann das nicht anders sein. Konsens auf Vorrat kann da niemand verlangen, wohl aber kooperative Formen der Konfliktschlichtung. Die Streitenden müssen sich auf Spielregeln verlassen können. Eine lautet: Verträge sind einzuhalten.

Weil der Metall-Arbeitgeberverband diesen Satz mißachtete, hat er nun eine schmerzhafte Niederlage eingesteckt. Mit der Brechstange wollten die Funktionäre das neue Lohnfortzahlungsgesetz im Maßstab eins zu eins durchsetzen - auch gegen jene Tarifabkommen, die sie selber unterzeichnet hatten. Doch ihre Mitglieder mochten dem rüden Kurs nicht folgen, und der Zorn der Beschäftigten war heftiger als erwartet. Zwar wissen auch die Arbeitnehmer, daß nicht mehr alle Segnungen der fetten Jahre zu bezahlen sind. Aber demütigen lassen wollen sie sich deshalb noch lange nicht. Nun bleibt erst einmal alles beim alten. Auch der kranke Metaller bekommt vorerst weiter seinen vollen Lohn, und der Konflikt wird dort ausgetragen, wo er hingehört: am Verhandlungstisch.

Die Verantwortlichen im Arbeitgeberlager suchen nach den Schuldigen für ihre eigene Bauchlandung. Die Bundesregierung, schimpfen sie, habe sie im Stich gelassen. Richtig ist nur, daß die Bonner Koalition vor den möglichen Folgen des neuen Gesetzes die Augen verschlossen hat und jetzt wie weiland Kaiser Wilhelm II. entsetzt erklärt: Das haben wir nicht gewollt. Andererseits hätten die Arbeitgeber beizeiten erkennen müssen: Das Gesetz ist das eine - die Vielfalt der höchst unterschiedlichen Tarifverträge das andere. Was ist das für ein Verständnis von Tarifautonomie, das einen Akt des Gesetzgebers dazu benutzen will, ineigener Verantwortung eingegangene Verträge über den Haufen zu rennen?

Mancher hat offenbar vergessen, wie klar in unserer ansonsten so komplizierten gesellschaftlichen Ordnung die Zuständigkeiten verteilt sind. Der Gesetzgeber setzt den Rahmen, in dem der Bürger agieren kann. Bei den Regeln für die Arbeitswelt stehen die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen und die Schutzbedürfnisse der Arbeitnehmer (und der Arbeitslosen) als gleichrangige Ziele nebeneinander. Die Grundlagen für den Interessenausgleich zu schaffen ist die Aufgabe des Staates - mehr aber auch nicht.

Ihre Vertragsfreiheit haben Beschäftigte und Betriebe im Modell der deutschen Tarifautonomie weitgehend an Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften delegiert, und das aus gutem Grund. Das Betriebsklima wird nicht durch den häßlichen Streit ums Geld belastet, das Zusammenspiel der miteinander verflochtenen Unternehmen nicht durch ständige Arbeitskämpfe gestört. Daimler-Benz hat im Konflikt um die Lohnfortzahlung einen hohen Preis für die Lektion bezahlt, was es heißt, dergleichen im eigenen Haus auszufechten: In nur wenigen Tagen summierten sich die Produktionsausfälle auf 220 Millionen Mark.

Den Tarifparteien erwächst aus ihrer Rolle allerdings eine enorme Verantwortung: Weil sie den Preis des Faktors Arbeit bestimmen, entscheiden sie auch mit über das Beschäftigungsniveau. Fast vier Millionen Arbeitslose sind ein Indiz dafür, daß sie dieser Verantwortung nicht gerecht geworden sind. Doch Gewerkschaften und Verbände spielen mit dem Einsatz ihrer eigenen Existenz: Legen sie Betrieben und Belegschaften zu enge Fesseln an, ist ihnen der Niedergang sicher. Daß die Bindungskraft ihrer Verträge immer mehr schwindet, sollte ihnen Warnung genug sein.