Auf den ersten Blick mögen die Formeln von William Vickrey und James Mirrlees langweilig aussehen. Tatsächlich haben die beiden Ökonomen, seit dieser Woche Nobelpreisträger , die moderne Informationsökonomie mitbegründet. Wie verhalten sich die Menschen, fragen sie, wenn sie gegenüber anderen einen Informationsvorsprung haben? Die Antwort ist eindeutig: Sie nutzen ihn aus - und schaden dabei oft der Allgemeinheit und mitunter auch sich selbst.

Märkte funktionieren, weil Käufer und Verkäufer einander nichts vormachen müssen: Der eine kauft, solange es ihm die Sache wert ist. Und der andere schlägt ein, solange der Preis nicht unter die Kosten sinkt. Ein effizienter Austausch ist garantiert. So schön die Theorie ist - sie stimmt nicht immer. Auf vielen Märkten wird das Spiel von Angebot und Nachfrage durch ungleiche Information gestört. Man nehme nur den Abschluß einer Versicherung. Der Versicherte hat nicht nur vorab einen Informationsvorsprung, sondern kann das Risiko auch später noch beeinflussen - beispielsweise durch seine Art, Auto zu fahren. Das Problem: Sobald die Versicherung besiegelt ist, kann er das Risiko in die Höhe treiben, ohne die Konsequenzen selbst tragen zu müssen. Dadurch erhöht er auch die Prämien für alle Mitversicherten. Als erster hat der heute sechzigjährige Brite James Mirrlees dieses als moral hazard bekannte Problem untersucht, das auch der Sozialversicherung zu schaffen macht. Viele private Versicherungsverträge, so zeigte der Professor aus Cambridge, kommen denn auch gar nicht erst zustande, weil die Kunden den Schadensfall dann nicht mehr mit aller Macht vermeiden würden.

Einseitige Informationen schaffen Anreize, die eine ökonomisch sinnvolle Mittelverwendung stören: Darum kümmerte sich der in New York lebende Kanadier William Vickrey schon vor fast fünfzig Jahren. So fordern Unternehmen bei öffentlichen Ausschreibungen meistens viel mehr als den Minimalpreis, für den sie den Auftrag übernehmen würden. Bei einer "Vickrey-Auktion" erhält zwar der Billigste den Zuschlag, bezahlt wird er aber nach dem zweitbesten Angebot. So wird der Anreiz zum Taktieren eliminiert, und Auftraggeber können Geld sparen. Schüler Vickreys verdienen mittlerweile gut, weil sie etwa die Nasa bei ihren Ausschreibungen beraten. Der 82jährige Mann selbst, der seine Karriere als Steuerberater begann, machte erst vor kurzem noch einmal mit der These von sich reden, daß Amerika dauerhafte Vollbeschäftigung erreichen kann, wenn der Staat für einen Ausgleich von Sparen und Investitionen sorgt.

Beide Preisträger fragten sich schon früh, wie die Einkommensteuer die Leistungsbereitschaft der Menschen verändert. Vickrey stellte fest, daß Gutverdienende infolge eines mit dem Einkommen steigenden Steuersatzes weniger arbeiten als ohne Besteuerung, weil weitere Leistung ihnen netto zuwenig bringt und sie lieber ihre Freizeit genießen. Um den negativen Anreiz zu vermeiden, so fand Mirrlees früher als andere heraus, dürfe der Steuersatz in oberen Einkommenssphären nicht mehr steigen. Damit wird die Progression freilich extrem beschränkt. Tatsächlich haben Länder wie die Vereinigten Staaten und Großbritannien die Progression drastisch verringert, und auch die in Deutschland diskutierten Reformmodelle gehen in diese Richtung.

Vickrey und Mirrlees können schon jetzt davon profitieren. Das Nobelkomitee macht sie um jeweils gut 800 000 Mark reicher. Für Hans-Werner Sinn ganz zu Recht: Die beiden Geehrten, so meint der Münchner Ökonom, seien "anerkannte Größen", Mirrlees' Arbeiten gar unter den "am meisten zitierten". Kein Wunder: Es gehört zu den vornehmsten ökonomischen Problemen, dafür zu sorgen, daß die richtigen Informationen übermittelt werden. Denn diese steuern die Wirtschaft.