Nietzsche auf CD-ROM, Kants Vernunftkritik als Hypertext mit Suchfunktionen, eine WWW-Seite für Derrida, eine Newsgroup über Hegel - es hat schon etwas Komisches.

Warum eigentlich?

Weil Philosophie und Technik nicht recht zueinander passen wollen. Jahrtausendelang galt die Technik den Philosophen als etwas Niederes und taugte nicht zum Gegenstand ihrer Bemühungen, allenfalls beiläufig (den Anfang machten schließlich Marx und Engels). Erkenntnistheorie, Wissenschaftsphilosophie oder Ethik weisen einen ehrwürdigen Stammbaum vor, die Technikphilosophie hingegen ist der Parvenü. Noch bis vor kurzem schauten deutsche Geisteswissenschaftler mit leiser Verachtung auf die Technik herab, auf das "Gestell", wie es im Heidegger-Jargon hieß.

Aber jetzt! Philosophen, gerade die Jungen unter ihnen, geraten in Computerrausch: "Multimedia total. Zweifelsohne, hier ist eine Revolution im Gange, vergleichbar nur mit der Erfindung des Buchdrucks. Von der Gutenberg-Galaxis zum Cyberspace." Das stand in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie, wäre aber auch in Computer-Bild nicht weiter aufgefallen.

Das Philosophenblatt war zu Lebzeiten der DDR marxistisch-leninistisch und hatte schon in den siebziger Jahren die Informationstechnik entdeckt. Unter parteifrommer Benutzeroberfläche gediehen allerhand gescheite Gedanken, Philosophien der Technik, von denen heute niemand mehr spricht. Vorbei, vorbei, und abgewickelt. Und das nicht etwa, weil die Denker des Westens überlegene Kategorien anzubieten hätten, mit denen sich über Technik philosophieren ließe. Nein, die werden noch gesucht.

Das wurde auf dem Deutschen Kongreß für Philosophie deutlich, der Ende September in Leipzig stattfand. Dessen Organisator Christoph Hubig, bekannt für Arbeiten auf dem Gebiet der Technikethik, hatte es eingerichtet, daß drei Tage lang auch über "Technische Welterzeugung" diskutiert werden konnte. Das Einleitungsreferat des gleichnamigen Workshops hielt der Hegel-Kenner Hans Heinz Holz, der sich auch im Hörsaal der ehemaligen Karl-Marx-Universität nicht scheute, marxistische Kategorien fruchtbar zu machen. Was bemerkenswert gut ankam. Technikphilosophie stellt sich zur Zeit als eine weithin vorurteilsfreie, undogmatische Suchbewegung dar, viel Versuch, viel Irrtum. Sehr sympathisch.