Diese Spezies begnügt sich nicht mit bloßem Aha-Erlebnis. Der wahre Full-time-Ekstatiker fällt bereits mit sechs Jahren, beim Anblick weißer Kraniche vor blauer Gewitterwolke, auf freiem Reisfeld einfach um, wie ein Narkoleptiker, nein: wie Ramakrishna (1836 bis 1886), so daß der Reiskuchen dem Händchen entrollt und das Kind heimgetragen werden muß. Die Seele wird entrafft, und wenn der Mensch wieder zu sich kommt, fragt er: "War, während ich fort war, mein Körper hier oder fort?" Woraufhin er sich sagen lassen muß: "Dein Körper war hier", und dies jenseits jeden Drogenproblems. Denn der Vollblut-Ekstatiker erzeugt alle Drogen selbst, körpereigene Psychedelika, Endorphine, Dopamine, alles per geistiger Selbstmassage, bis hin zur Überdosis.

Ein heutiger Ramakrishna, der nicht aus Indien stammt, spürt Sehnsucht nach Indien; denn Indien bleibt das Mutterland des hypertrophierten Heiligenaufkommens, Land der rudimentären psychiatrischen Erschließung. Wer heute seine ausufernden Halluzinationen nicht stoppen kann, bekommt Neuroleptika; was dem einen per Medikament genommen wird, führt sich der andere per Medikament zu.

Neurologen streiten sich über der Frage: Wirken solche Zustände heilsam oder auf Dauer ungünstig? Von innen fühlt sich Ekstase unglaublich göttlich an. Aber von außen gesehen, erblickt der nüchterne Betrachter bloß rollende Augen und Speichelfluß. Der junge Elias aus Robert Schneiders "Schlafes Bruder", ein wahres Erleuchtungsmonster, erfährt bereits im Vorschulalter - ein Jahr eher als Ramakrishna! - kompakteste Erleuchtung, hört das Universum tönen, Gekeuch der ganzen Welt, aufgefächert bis zum Herzschlag Ungeborener, ein akustisches Panoptikum, das wiederholt nach Verfilmung und Vertonung schrie. Entsprechend opulent - verlaufen etliche derb körperliche Begleitsymptome: quellende Augen (wobei der Autor sowohl Retina und Cornea wie Iris und Bulbus verwechselt!), synchroner Milchzahn-, Nabelblut-, Urin- und Spermaverlust (physiologisch unmöglich!) - Tip für alle, die Erleuchtung allseitig darstellen wollen: Sofortiger, kompletter Zahnausfall wirkt unplausibel; einige im Krampfzustand gelockerte Zähnchen wären glaubhafter gewesen. Außerdem erfolgt bei Anfällen zuerst der epileptische Rauschfokus, genannt Aura, die fieserweise auch fehlen kann, dann erst die Krämpfe sowie der Erschöpfungsschlaf, der nie fehlt, außer in "Schlafes Bruder", worin das eingeschlafene Kind im Schnee erfroren wäre; Autor Schneider hat das Hörwunder in die falsche Jahreszeit gelegt, den Lapsus erst im Film korrigiert, dies aber nur, um das Kind nackt auf den Stein legen zu können.

Der stets Nüchterne wendet sich hier angeekelt ab. Wer sich an langweiliger Gesundheit erfreut, darf halt nie Universa tönen hören, und wenn Kraniche vorbeikommen, zittert keine Hand beim Filmen. Unterdessen verbirgt der Guru seinen Jüngern die Message: "Erleuchtung läßt sich keinesfalls festhalten." Ein Full-time-Lingam, dem der Weg zum Schnulli versperrt wird, tut bald äußerst weh. Auch der Ekstatiker sinkt - mehr oder minder pünktlich - zurück in den Normalzustand und kann allgemein übliche Krankheiten keineswegs ganz fortmeditieren. Der an Asthma leidende Osho (alias Bhagwan) tat kund, daß sein Leben von der Energieverausgabung seiner Erleuchtung um zehn Jahre gekürzt worden sei. Deshalb sehen fünfzigjährige Gurus bereits aus, als wären sie siebzig - was unerleuchtete Gurus nicht daran hindern muß, ebenfalls siebzig zu sein. Sri Aurobindo litt an einer Ptosis (sein Augenlid hing herab). Sundar Singh erlitt ab 1925 Ohnmachten. Ekstatiker drehen den natürlichen Ablauf um: erst der vorweg genossene Tod im Licht und danach die durchbuchstabierten medizinischen Voraussetzungen, die normalerweise den Exitus anbahnen.

In der Glossenserie "Typologie der Berauschten" sind bisher erschienen:

1. Der stets Nüchterne