Der Fernsehnachmittag hat eine miserable Presse. In alten Zeiten gab es nur das Testbild, später dann Tierfilme und Serien, das nahm die Kritik hin. Heute ist die schöne Zeit zwischen 14 und 18 Uhr gestopft voll mit Talk-Shows, eine jagt die andere. Bärbel Schäfer, Ilona Christen , Hans Meiser heißen die Moderatoren bei RTL; das Erste hat Juliane und Andrea und Pfarrer Fliege . Auf Pro Sieben ist Arabella Kiesbauer aktiv, bei Sat.1 gibt es schon mittags Vera Int-Veen . Und so weiter. Die Themen entstammen dem Pandämonium des Privatlebens: "Ungeschminkt geh' ich nicht vor die Tür", "Wenn der Partner bi ist", "Meine beste Freundin ist ein Mann", "Menschen mit zwei Gesichtern", "Ich habe Aids und lebe noch", "Er will Kinder, sie Karriere" und "Lust oder Last: der Bauch". Die Fernsehkritik ist sich quer durch die Printmedien einig, daß diese Talk-Offensive einer Art elektronischer Kanalverschmutzung gleichkomme; selten wurde unisono so vernichtend geurteilt: "das radikal Dümmste", "Gewäsch", "Geplapper", "Phrase", "Aufkläricht", "Grauen des Alltags" - von übel beleidigenden Attributen für die Moderatoren zu schweigen. Die Empörung über nachmittägliche Talk-Shows könnte selbst wieder Thema einer dieser Shows sein und würde wahrscheinlich dort nicht schlecht verhandelt. "Ich hasse Talk-Shows, mein Partner glotzt alles" - so etwa klänge der Titel.

Die große Wut auf das große Gequatsche verwechselt die Talk-Nachmittage mit dem Programm alten Stils, das sich an die breite Öffentlichkeit wendete und deren Aufmerksamkeit mit Themen, Macharten und Stars fesselte, die etwas Besonderes darstellten und mit dieser Besonderheit ihre Existenz auf dem Bildschirm und ihren Appell an das Interesse des Zuschauers rechtfertigten. Eine Serie über einen Reiterhof mit rassigen Tieren und majestätischer Landschaft bietet dieses Besondere: nicht jedem, aber wer's mag, der kommt auf seine Kosten. Dasselbe gilt für die Reportage vom anderen Ende der Welt, für das Interview mit einem kamerascheuen Star der Literatur, für die fernsehgerechte Inszenierung eines historischen Themas. Jedesmal geht es um Zusammenhänge, die sich nicht von selbst erschließen, um Bilder, die man nicht jeden Tag sehen kann, um Ferne, die näher rückt. Mit genau diesem für die breite Öffentlichkeit gemachten Programmangebot hat die nachmittägliche Talk-Line nichts mehr zu tun. Sie ist trivial und will es sein. Statt des Besonderen bietet sie das Gemeine, statt des Herausragenden das Gewöhnliche, statt des Extremfalls den Durchschnitt. Zwar liegt die Pointe oft darin, daß gerade das Gewöhnliche mit unverhofften Bizarrerien aufwartet, der Kontext ist aber nie ein "Event", sondern im Gegenteil die Unauffälligkeit. Statt großer Namen und exotischer Schauplätze begegnen uns Menschen von der Straße, die in Studios ohne Glamour mit Moderatoren ohne Star-Qualität über sich selber reden. Aus dem Fernsehen blitzt uns statt der Sensation die Normalität entgegen - ungeschminkt, banal und überraschend vielgestaltig. Diesen Wechsel des Programmappeals haben große Teile der Kritik nicht mitvollzogen. Sie messen den Nachmittags-Talk an Sendungen klassischen Zuschnitts und machen mit ihren Verdikten insofern einen Fehler, als sie ihren Gegenstand viel zu hoch hängen, ihm immer noch unterstellen, er wolle - und solle - die gesamte Republik erschüttern. Sie schießen mit Kanonen auf Spatzen.

Selbstverständlich ist eine Sendung mit Bärbel Schäfer zu der Frage, ob Frauen sich schminken sollen beziehungsweise ob es auch Gelegenheiten gibt, zu denen Natur pur besser paßt, keine Angelegenheit von größerem Interesse. Das aber gibt so eine Sendung auch nicht vor. Das kleinere Interesse genügt ihr. Sie ist kein Programm, das gehobene Unterhaltung, Information oder Belehrung bringt, sondern eine Art Service-Station, ein elektronischer Kummerkasten. Zuschauer, die Probleme mit ihrer Erscheinung, ihrer Beziehung, ihrer Figur oder ihrer Gesundheit haben, können sich von so einer Runde angesprochen fühlen - aber mit einem politischen oder Lifestyle-Magazin oder gar einer Show, in der Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens oder Künstler auftreten, hat sie nichts gemein. In gutem Tempo und mit bemerkenswerter Gründlichkeit wird hier eine Mikrofraktion des Alltagslebens durchgehechelt; in der Schmink-Sendung zum Beispiel debattierte eine junge Frau, die sich sogar zum Postholen schönmacht, weil: "die Nachbarn könnten mich sehen", mit einer Befürworterin ehrlicher Kunstlosigkeit in allen Fragen des Outfits, mit einem Jüngling, der seine Freundin aufgab, weil sie sich nicht schminken wollte, mit einem Herrn, der seine Frau verließ, weil sie täglich drei Stunden vorm Spiegel stand, und mit einer Siebzigjährigen, die immer noch kräftig auflegt. Solche Sendungen sind für Zuschauer gemacht, die sich in der betreffenden Mikrofraktion des Alltagslebens mit Sorgen plagen - aber natürlich ebenso für solche, die froh sind, jene Sorgen grade nicht zu haben, statt dessen aber jede Menge Spaß an den ganz normalen Kuriositäten dieser Welt. Sogar Kulturbeflissene oder -kritiker kämen auf ihre Kosten, wenn sie sich denn nicht viel zu fein wären, mal in so eine Sendung reinzuschalten; beim Thema Schminken zum Beispiel erhob die gute alte Kontroverse um Kunst und Natur, Verstellung und Unmittelbarkeit, Maske und Nacktheit in erstaunlicher Frische ihr Haupt: Man konnte erfahren, daß das "Sichanmalen", vor einer Generation noch verpönt, inzwischen seinen moralischen Hautgout verloren hat und als Lebenskunst unter dem Motto "Jeder Mensch hat das Recht auf eine Maske" akzeptiert ist.

Überhaupt funktioniert das Kummerkastenfernsehen nach der Devise "Jedem Tierchen sein Pläsierchen" und ist insofern eine Schule der Toleranz. Noch vor zwanzig Jahren wäre das alles unmöglich gewesen - nicht weil der Geschmack des Publikums besser war, sondern weil die meisten Menschen viel zu bigott und verbiestert gewesen wären, um über Bisex und Pornos gelassen zu debattieren. Es mußte erst eine neue Generation heranwachsen, für die das selbstverständlich ist, in den Redaktionen, vor den Kameras und auch zu Hause vorm Gerät. Wie respektabel ist doch die Konfliktfähigkeit, mit der Menschen in den Nachmittags-Talks die absonderlichsten Passionen durchbuchstabieren und, fallweise belehrt durch die Moderatoren, zu ahnen beginnen, daß Leute mit entgegengesetzten Neigungen auch ihre Gründe haben. In der Sendung "Ich hasse Pornos" wurde einer Barfrau und Porno-Guckerin von einem jungen Puritaner trotz mangelnden Verständnisses alles Recht auf ihre Vorlieben zugestanden, während umgekehrt die Barfrau für eine Mutti eintrat, die sich hatte scheiden lassen, weil ihr Ex sie nötigte, mit ihm Szenen aus Pornos nachzustellen. Man ließ einander gelten, wenn auch manchmal mit Zähneknirschen, sprach unumwunden von Wünschen und Abneigungen und wurde sich einig in der Verurteilung von jeder Art Zwang. Nach diesem diskursiven Muster und unter dieser moralischen Leitlinie: Meinung-GegenmeinungToleranz, laufen die Nachmittags-Talk-Shows sämtlich ab. Die erzieherische Wirkung, die man höheren kritischen Orts dem Fernsehen schlichtweg abspricht, während es eine jugendverderberische und niveauzerstörerische gleichwohl haben soll, dürfte unter verklemmten Spießern, die, so die Vermutung, das Hauptkontingent der nachmittäglichen Quotenmillion stellen, beträchtlich sein. "Wie kann man bloß Pornos mögen!" - "Haben Sie mal einen gesehen?" - "Nee." - "Na, dann probieren Sie's doch erst mal aus." - "Puh." - "Sie müssen nicht. Wenn Sie nicht wollen . . ." Geht es fairer? Der Fernsehkummerkasten vom Nachmittag ist eine beliebte und wahrscheinlich auch erfolgreiche Waffe im Kampf gegen das Vorurteil.

Kummerkasten ist übrigens insofern doch keine passende Bezeichnung, als die Leute, die sich da im Fernsehen produzieren, meist Freude haben. Wenn das Thema nicht gerade "Aids" lautet - aber auch da ist die Krankenschwester, die Aids-Kindern hilft, froh über diese Chance, ihre Initiative publik zu machen -, also wenn das Thema nicht gerade an Tod und Katastrophe rührt, ist die Stimmung im Studio meist heiter, manchmal ausgelassen. Man verteidigt seinen Tick, seine Obsession oder auch bloß seine Meinung und erkennt erstaunt, wie nah sich die (scheinbaren) Gegensätze kommen. Die Barfrau hetzt die Mutti auf, sich bloß nichts von der Männerwelt gefallen zu lassen, und die Naturblondine macht - in der Werbepause - einen Versuch mit dem Make-up. Sie behauptet zwar, sie werde sich nie wieder schminken, aber man merkt, wie gerne sie die Komplimente einsteckt. Kontrovers geht es zu, das schon, aber es ist stets das Bemühen um Einfühlung in die Gegenseite da, und wenn es dann noch Pfarrer Fliege ist, der diesem Bemühen seinen Segen gibt, sind alle zufrieden.

Wirklich? Die kulturkritische Kritik ist es nicht. Sie befürchtet, daß, wenn's schon nicht der Kummer ist, der da im Kasten steckt, was anderes, viel Schlimmeres drin lauert: die Eitelkeit. Der Wunsch, "mal im Fernsehen" zu sein, jage die Leute in solche Shows, ferner ein fragwürdiger Drang, sich zu exhibitionieren und dem Rest der Welt sein Innerstes preiszugeben. Und das Publikum ist nicht besser. Denn Programm kann die Bloßstellung ja nur werden, wenn auf Publikumsseite das entsprechende Bedürfnis, der Voyeurismus, obwaltet, wenn hier der Bildschirmrahmen zum Schlüsselloch wird und die schimpfliche Lust an fremder Intimität das Publikum vors Gerät treibt. Wie steht es damit?