Was ist passiert? Ein Dichter hat sich in Dunst gehüllt. Er hatte, das war in der letzten ZEIT zu lesen, ein paar Kindermädchen, ein paar Reitpferdchen weniger als bisher vermutet. Auch stammt die Mutter nicht aus England, wie der "Munzinger" behauptet, und ist der Vater nicht im KZ, wie der Sohn beispielsweise der Jungen Welt anvertraute, sondern in London und an Leberkrebs gestorben. Ob des Dichters legendäre Mitwirkung im Spanischen Bürgerkrieg lediglich vom Offizier in den Internationalen Brigaden bis zum Ambulanzfahrer herunterdividiert oder doch ganz aus der Vita gestrichen werden muß, steht noch dahin. Der KZ-Aufenthalt hingegen, den Stephan Hermlin sich im amerikanischen Fragebogen 1946 selbst bescheinigt hat, war eine Lüge. Das sind die nackten Fakten. Nun beginnt der Streit.

Die Denkmalpfleger rasseln mit rhetorischen Panzerwaffen: Verleumdung, Verlotterung, Infamie schreit es aus Ostberlin. Karl Corino, der Überbringer der schlechten Nachricht, wird als Lügner bezeichnet, der "im Umhang der Wahrheit" spreche. "Angeekelt", empfiehlt Ost-PEN-Präsident Dieter Schlenstedt, solle man sich von derartigen Wahrheiten abwenden. Stefan Heym glaubt, hier sollten - Verschwörung, man kennt das - ein Standbild demontiert und der Ruf der DDR-Literatur geschmälert werden.

Die Hermeneutiker verweisen auf Recherchefehler. Karl Corino zitiert aus dem Werk "Abendlicht". Doch das Leben, das Stephan Hermlin in dieser autobiographischen Poésie en prose beschrieben habe, sei nicht Wahrheit, sondern Dichtung. "Dichtung und Wahrheit auf meine Art", sagt Stephan Hermlin im Spiegel.

Die Jüngeren fragen, warum man sich über die jetzt entdeckten erdichteten Kindermädchen und aufgeblasenen Mannestaten so erregt. Reichen die längst bekannten Stalin-Hymnen ("wo die Verheißungen leben und die Epochen verändern. / Namenlos sich die Zeit endlich selbst nennt: STALIN"), der weltanschauliche Kitsch ("ich vernehme des Kommenden süßeste Geigen"), die pompöse Stilisierung der Biographie des Honecker-Vertrauten und Parteimitglieds zu einem "herzzerreißenden, die eigene Brust zerreißenden" schweren Kampf noch nicht aus?

Der Streit ist nicht zu schlichten. Streitet doch jede Partei nicht nur um die Wahrheit im Leben des 81 Jahre alten Dichters aus Ost-Berlin, sondern auch um die Wahrheit der eigenen Biographie, der eigenen Stilisierungen, der eigenen Begriffe. Wer wie Stefan Heym die Dignität der DDR-Literatur von der Makellosigkeit ihrer Heroen abhängig macht, kann nicht allzuviel von ihr halten. Wer umgekehrt so wenig von einem der bedeutendsten Protagonisten dieser Literatur erwartet, daß ihn selbst dessen erfundene KZ-Aufenthalte und Aufschneidereien nicht mehr erschüttern, der setzt sich über die zerrissenen Lebensläufe der Großvätergeneration einfach hinweg.

Und der Dichter? Ein Kleines wäre es gewesen, die englische Mutter, den im KZ umgekommenen Vater aus der "Munzinger"-Biographie zu entfernen; ein Leichtes, den sagenumwobenen Spanienkämpfer beizeiten mit Rang, Ort und Datum auszustatten; ein Nichts, die "schwersten Stunden im Konzentrationslager", mit dem Stalin-Bild unterm Kopfkissen, rechtzeitig zu schwersten Stunden in einem französischen Internierungslager werden zu lassen. Stephan Hermlin hat es nicht getan. Er hat sein Leben, nicht nur unter dem Vorbehalt des Fiktiven, nicht nur in seinem Bericht "Abendlicht", schöngeschrieben und vor allem: unwidersprochen schönschreiben lassen. Die nüchterne Sprache der Fakten paßte nicht zu den süßen Geigenklängen des Kommenden. Es gibt keine Menschenpflicht zur Wahrheit. Aber es gibt ein Menschenrecht, den Süßholzrasplern zu mißtrauen.