Bonn - Helmut Kohls Geschichte beginnt mit der Berufung auf den Lieblingsphilosophen, den der Kanzler wohl oder übel mit Helmut Schmidt teilt, Karl Raimund Popper: Geschichte sei nicht Schicksal, sondern machbar. Und sie setzt ein mit den wehenden schwarzrotgoldenen Fahnen in der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1990 in Berlin.

Hans-Dietrich Genschers Geschichte beginnt mit der Szene auf dem Balkon der deutschen Botschaft in Prag, mit dem 30. September 1989, jenem Tag, der ihn "mehr bewegt hat als alles im Leben", und mit der Mitteilung an die Flüchtlinge aus der DDR, sie könnten ausreisen.

Wolfgang Schäubles Geschichte beginnt im Kronprinzenpalais mit der Unterzeichnung des Vereinigungsvertrages vom 31. August 1990 - nein, genaugenommen beginnt sie einen Monat später, als er in Oppenau Opfer eines geistesgestörten Attentäters wurde. Seitdem ist er an den Rollstuhl gefesselt. Kohl, Genscher, Schäuble: Buchautoren, die sich an die Wiedervereinigung erinnern. Alle drei sagen sie, ein Traum habe sich damit erfüllt. Alle drei machen Ansprüche an seiner Verwirklichung geltend. Alle drei sagen "ich" auf ganz unterschiedliche Weise. Ich! Ich! Ich!

Ein vierter, obwohl mit starkem Ego gewappnet, stellt keine Ansprüche: Egon Bahr. Seine Geschichte beginnt mit dem Besuch des ostdeutschen Geburtsortes, Treffurt an der Werra. Hermann Axen hatte ihm 1983 diese Visite "geschenkt".

Eine winzige Szene: Helmut Kohl gesteht in "seinem" Buch geschrieben von zwei Bild-Journalisten, aber autorisiert von ihm -, es habe ihn sehr gereizt, gegen den Rat seiner Ärzte vom Krankenbett in Ludwigshafen aus nach Prag zu eilen an jenem Tag, der Genschers bewegendster wurde. Er blieb vor dem Bildschirm. Es habe Kohl geärgert, heißt es, daß Genscher Kanzleramtsminister Seiters zunächst nicht habe mitnehmen wollen, "wohl um den publizistischen Lorbeer selbst zu ernten". Umgekehrt Genscher: Auf die Mitreise des Kanzleramtsministers habe er Wert gelegt, um den "Schulterschluß" von Regierung und Koalition zu zeigen. Wer erinnert sich wahrer?

Der Prager Tag findet einen späten Widerhall. Von Kohls legendärer Zehn-Punkte-Erklärung am 28. November 1989 im Bundestag erfährt Genscher vom Kanzler nichts. Wenn Kohl das Heft nicht "persönlich" in die Hand nehme, hätte die "Gefahr" bestanden, schrieb später der zuverlässige Helfer Horst Teltschik, daß die FDP vorpresche. Dazu Genscher: "Was hieß hier ,Gefahr'?"