Vor dem Lamakloster nahe Iwolginsk bietet einzig eine kleine Holzüberdachung mit einem Bänkchen Schatten vor der heißen Mittagssonne. Auf drei Kisten sind Getränke in Plastikflaschen aufgebaut, ab und zu wird die Reihe wieder aufgefüllt von einem jungen Mann. Er holt den Nachschub aus einem Kinderwagen, den er dann sorgfältig mit den Resten einer wattierten Weste wieder zudeckt. Das Interesse an den bonbonfarbenen Limonaden ist mäßig, die wenigen Besucher, überwiegend Burjaten, kommen zögernd näher, flüstern miteinander und wenden sich wieder ab.

Eine Hochzeitsgesellschaft bleibt gleich fern: Der Bräutigam stellt die Wodka- und Limonadenflaschen auf die Kühlerhaube des Autos und verteilt die Gläser. Die Braut, in einer Glocke aus weißem Tüll, zieht Hähnchenteile aus Plastiktüten hervor. Im Stehen wird gegessen und getrunken, danach wischt der Bräutigam das Blech des Wagens sorgfältig wieder ab die Gesellschaft begibt sich in Richtung Klostereingang.

Tief im Schatten sitzt, die übereinandergeschlagenen Beine in dicken Wollstrümpfen, eine alte Frau. Sie lächelt der hinzukommenden Ausländerin auffordernd zu, die straff gespannte Haut über ihren hohen Wangenknochen glänzt. Sie deutet auf den großen Glasbehälter mit Milch vor sich. Nein, keiner will davon haben. Aber sollte man deswegen in Unruhe geraten oder gar sein Lächeln verlieren?

Aus ihrer linken Tasche zieht die Frau ein kleines Oktavbüchlein, es ist vollgeschrieben. Sie reicht daraus ein loses Blatt herüber: ein Photo von Alexandra Kollontaj, der russischen Revolutionärin, berühmt vor allem wegen ihrer Forderung nach freier Liebe.

Professor Arnold K. Tulokonow, der Direktor des Baikal-Instituts in Ulan-Ude, herrscht über sechzig Mitarbeiter, Biologen, Kartographen, Historiker, Ökonomen. Sein Institut berät die burjatische Regierung in Umweltfragen. Der Baikalsee und die Baikalregion sind national und international ein point of interest: Der See ist immerhin das größte Süßwasserreservoir der Welt. Er beheimatet eine Unzahl von Tier- und Pflanzenarten, die nur hier vorkommen. Ökologisch ist er noch nicht so zugerichtet wie der russische Aralsee, aber dennoch in Gefahr: durch die Abwässer der Zellulosekombinate, die verpestete Luft aus den Schornsteinen der Schwerindustrie in Ulan-Ude. Und, a la longue, wegen der Folgen von Überweidung und Kahlschlag in den Wäldern.

Es gibt zwar ein - sehr fortschrittliches - Naturschutzgesetz in Burjatien, und es existieren zwei Nationalparks. Aber es gibt auch einen unüberschaubaren Kompetenzwirrwarr. Zudem sind seit 1991 die nichtmilitärischen Forschungsausgaben auf ein Viertel zusammengestrichen worden, so daß viele Wissenschaftsprogramme aufgegeben werden mußten. Die Mitarbeiter an den Instituten, so auch am Baikal-Institut, werden schlecht und manchmal monatelang gar nicht bezahlt.

Internationale Kontakte wie die mit den deutschen Wissenschaftlern eröffnen Möglichkeiten: für den Etat, fürs Renommee, für Publikationen.