Sie liebt ihn. Sie liebt, wie er geht, wie er steht, wie er im Türrahmen lehnt. Er ist groß, er ist blond, er arbeitet an einem der flackernden Hochöfen im Norden der Welt.

Eines Tages stand er in der Werkstatt ihres Vaters, in irgendeinem Wald haben sie sich geküßt, in einer Kirche geheiratet. Ihr Haus hat vier Zimmer, zwei oben, zwei unten, sie haben zwei Kinder, ein drittes wird erwartet, im Garten wachsen Reseden. Am Abend hängt er seine Mütze an den Nagel an der Wand, am Sonntag lieben sie sich vor dem Frühstück.

Gilles und Elisa - die proletarischen Königskinder gehören zusammen, kein bürgerlicher Seelenfirlefanz kann sie trennen. Das Glück, ach ja, ist einfach. Ein nacktes Kind, eine dampfende Suppe, wortlose Hingabe.

Kommt, was kommen muß. Ein kleiner roter Mund, eine spitze lange Zunge - Victorine, jung, gewissenlos, die kleine Schwester von Elisa, ein Abend, ein Blick, ein Kuß und was darauf folgen muß.

Es ist eine alte Dreiecksgeschichte, doch ist sie ewig neu, und wem sie just passieret, dem bricht das Herz entzwei.

Madeleine Bourdouxhe, geboren 1906 in Lüttich, hat diese archaische Kleineleutetragödie 1937 geschrieben. Im Nachwort zur deutschen Ausgabe erfährt man, daß Madeleine Bourdouxhe heute in Brüssel lebt, ein Stockwerk über ihrer Tochter und Enkelin, daß Jean Paulhan das schmale Werk damals dem Hause Gallimard empfahl, daß "La femme de Gille" seinerzeit enthusiastisch aufgenommen und die Autorin von Simone de Beauvoir für ihre subtilen Beschreibungen des Unterschiedes zwischen männlicher und weiblicher Sexualität gerühmt wurde.

Eine vergessene Flaschenpost ist dieser schmale Roman, sechzig Jahre später kommt er bei uns an, kein bißchen vermodert, kein bißchen subtil, sondern von jener Strenge, Unerbittlichkeit und Unvertrautheit, die zur klassischen Tragödie gehört.