Müssen Kabarettisten immer witzig sein? Nun, wenn sie nicht gerade ihrem Berufe nachgehen, müssen sie es nicht. Aber Kriminalromane sollten doch stets eine besondere Spannung entfalten, die mit Verbrechen und Aufklärung, Schuld und Sühne zu tun hat? Im Prinzip ja, aber wenn es Georg Kreisler ist, der den Krimi schreibt, können die Reize auch ganz woanders liegen. Der Klassenbeste in der Schule des Schwarzen Humors, der die Sprache schneidend scharf zu führen weiß und als "Taubenvergifter im Park" legendär wurde, erfreut die Leser seines neuen Buches jedenfalls damit, daß er keineswegs hält, was man sich von ihm versprechen mag.

"Der Schattenspringer", wiewohl von einem Kabarettisten verfaßt, ist kein witziges Buch, und an dem Kriminalfall, von dem er zu handeln vorgibt, an der Geschichte zweier Morde, die beide keine sind, und an deren Aufklärung, die nicht so recht gelingt, zeigt sich der Roman jedenfalls nur mäßig interessiert. Scheu, als wollte er verbergen, worum es wirklich geht, hat Georg Kreisler das kriminalistische Genre gewählt, um es zu einem Versuch über die Heimatlosigkeit, über den Verlust der Geborgenheit zu nutzen: Der englische Schriftsteller John Greenway war einst in Cottbus als Hans Grünberg auf die Welt gekommen und als Kind mit seinen Eltern von den Nazis vertrieben worden: "Nun war er Engländer, aber Cottbus hatte ein Loch in seiner Psyche hinterlassen."

"Psyche" heißt es nur in den ersten beiden, in England spielenden Teilen des schmalen Romans. Im dritten Abschnitt, wenn John Greenway, in England als Mörder gesucht, wieder in Deutschland ist, wird daraus eine "Seele" werden denn Deutschland, wie es Hans Grünberg vorfindet, steht unter der Herrschaft des tiefen Sinnes und der innigen Gefühle. Weil er es durchschaut und auf die besondere psychische, Pardon: seelische Befindlichkeit der Deutschen zu reagieren weiß, wird der aus seinem Exil nach Hause geflüchtete Hans Grünberg rasch ein erfolgreicher deutscher Schriftsteller.

So erfolgreich, daß er zuletzt von den englischen Behörden aufgespürt werden kann und sich in einem britischen Irrenhaus wiederfindet, in dem er, eine schöne Rundung des Geschehens, sich an die Niederschrift eines Romans macht, der mit den nämlichen Worten wie "Der Schattenspringer" beginnt.

Dazwischen liegen eine reichlich verfahrene Krimistory, eine skurrile Liebesgeschichte und jede Menge von gescheiten Gedanken, die Kreisler mit britischem Understatement verstreut. Was sein Verleger über John Greenway sagt, gilt auch für den Erzähler Kreisler: "Auch in seinem Roman sagt er nie, was er meint. Er sagt lediglich, was er denkt. Meinungen überläßt er dem Leser." So bleibt der Roman für viele Deutungen offen, und Georg Kreisler bemüht sich, ihnen durch erzählerische Kommentare und Erläuterungen nicht vorzugreifen. Die Lösung des Kriminalfalls wird ganz nebenbei geliefert besonders wichtig ist dem Erzähler das kriminelle Sujet also nicht. Aber was interessiert ihn dann?

In lauter kleinen Szenen, die sich nur schwer zu einem Ganzen fügen, untersucht Kreisler immer wieder, wie es ist, mit jenem "Loch in der Psyche", mit der nie sich schließenden Wunde des Exils, zu leben. In die Fremde gestoßen, wird der Flüchtling keine neue Gewißheit, keine selbstverständliche Sicherheit des Lebens mehr finden, indes dem Heimkehrer auch die Heimat, nach der er sich lange Jahre gesehnt hat, längst rettungslos verloren ist.

"Erst in der Heimat bin ich wirklich fremd", dichtete der österreichische Lyriker Theodor Kramer nach seiner Rückkehr aus dem englischen Exil, und Georg Kreisler hat diesem Vers einen lakonischen, traurigen, seltsam wortkargen und nirgendwo kabarettistisch leichten Roman zur Seite gestellt.